HR Fachartikel

Sie wollen fachlich in die Tiefe gehen und das möglichst mit geringem Aufwand? Dann nutzen Sie unser für Sie zusammengestelltes HR Magazin. Hier finden Sie mit nur einem Klick Fachartikel zu allen HR relevanten Themen wie Lohn & Gehalt, Talent Management, Employer Branding und vielen mehr. 

 

« Back

Mitarbeiterempfehlung: Kollegen als Headhunter

Beschäftigte, die in ihrem Freundeskreis wie Headhunter agieren, gelten als "Botschafter der Arbeitgebermarke". Von ihrer Loyalität profitiert auch das Recruiting, dessen Aufwand deutlich sinkt. Digitale Empfehlungslösungen können diesen Trend verstärken.

Jede dritte Stelle in Deutschland wird über persönliche Kontakte besetzt, fand das Instituts für Arbeitsmarkt und Sozialforschung in einer Studie heraus. In Österreich motivieren vier von fünf Betrieben ihre Mitarbeiter, im persönlichen Umfeld nach potenziellen Kollegen Ausschau zu halten, so eine Umfrage von Monster. Für erfolgreiche Vermittlungen zahlt jede fünfte Firma eine Sach- oder Geldprämie im Wert von bis zu 1.000 Euro. Zehn Prozent der Unternehmen greifen tiefer in die Tasche.

Auf den Ranglisten der erfolgreichen Recruitingmethoden hat sich die Mitarbeiterempfehlung weit nach vorn geschoben. Der Grund: Sie spart kostbare Ressourcen im Recruiting. Gegenüber der Anzeigenschaltung oder der Beauftragung eines Personalberaters sind die ausgelobten Prämien vergleichsweise günstig. Beim Wirtschaftsprüfer PwC beispielsweise gibt es pro Empfehlung ein iPad oder alternativ 1.500 Euro.

Neben Beratungsfirmen spannen auch Unternehmen von der Deutschen Bahn bis zum Discounter Kik ihre Mitarbeiter als Headhunter ein. Weil weltweit rund 5000 Stellen, davon 1200 in Deutschland, nicht zu besetzen sind, hat Siemens mit dem Betriebsrat eine Rahmenvereinbarung getroffen. Bis zu 3.000 Euro Kopfgeld winken erfolgreichen Werbern aus der Belegschaft. Bedingung: Der Kandidat durchläuft erfolgreich die Bewerberprüfung und ist mindestens sechs Monate für Siemens tätig.

Was Empfehlungsprogramme leisten können

Je mehr Dynamik der Recruitingkanal der Mitarbeiterempfehlung entfaltet, desto eher sind Personaler geneigt, in digitale Tools zu investieren. Drei Lösungen dominieren den Markt: Talentry, vormals Jobcrowd, Firstbird sowie Eqipia, jüngst vom Business-Netzwerk Xing übernommen. Den Prozess der Information über das jeweilige Empfehlungsprogramm, dessen individuelle Nutzung sowie die Historie der konkreten Empfehlungen durch ihre Mitarbeiter bilden alle drei Programme auf einer digitalen Plattform ab.

Weitere gemeinsame Funktionalität besteht in der Anbindung an gebräuchliche Business- und Social-Media-Netzwerke wie Xing, Linkedin sowie Facebook, Twitter oder Instagram. Zudem sind Schnittstellen zu den gängigsten Bewerbermanagementsystemen integriert. Die Vorteile für die Beschäftigten: Sie bleiben jederzeit über interessante Vakanzen informiert. Die Personalabteilung braucht keine Excel-Tabellen mehr zu pflegen und kann nun die Erfolge messen.

Mit der Bewerbung ihrer Werkzeuge lassen die Anbieter von Mitarbeiterempfehlungstools aufhorchen. Während demzufolge die Kosten für jede Einstellung um bis 75 Prozent sinken sollen, halbiere sich die Zeit bis zur Einstellung. Jeder Mitarbeiter, der in seinem Freundes- und Bekanntenkreis als Botschafter seines Arbeitgebers auftrete, könne so ein Netzwerk von rund 130 potenziellen Kandidaten erschließen.

Auf der Plattform von Talentry werden offene Stellen publiziert, zusätzlich werden Mitarbeiter durch einen Newsletter über zu besetzende Positionen informiert. Eine Verknüpfung mit Business- und sozialen Netzwerken ist Voraussetzung dafür, dass das Programm das Potenzial der individuellen Mitarbeiternetzwerke erschließt. Ein lernender Algorithmus filtert potenzielle Kandidaten aus den Netzwerken heraus: Der Mitarbeiter erhält vom Programm einen Vorschlag, wer aus seinem persönlichen Umfeld für eine konkrete Position gut geeignet sein könnte.

Vergleichbar ist das Kompetenzprofil des EmpfehlungsManagers von Eqipia. Auch hier leistet ein Algorithmus wertvolle Vorarbeit. Auch wenn der Vergleich etwas hinkt, ähnelt diese Leistung den Aufgaben eines Identers, der im Auftrag von Personalberatern gemäß vordefiniertem Suchprofil geeignete Kandidaten im Netz, in Datenbanken oder per telefonischer Kontaktaufnahme ermittelt, ehe sie konkret auf eine Stelle angesprochen und zur Präsentation beim Auftraggeber eingeladen werden. Das Besondere der Lösung liegt freilich darin, dass sie potenziellen Kandidaten Einblick ins Unternehmen gewährt und sogar mit einzelnen Mitgliedern des künftigen Teams bekannt macht.

Firstbird schließlich wirbt für seine Lösung mit dem Argument, unkompliziert in der Anwendung zu sein. Schnell lasse sich auf dem Internetportal ein persönlicher Account erstellen, ebenso einfach gestalte sich die Einrichtung des Filters. Mit ihm legen Mitarbeiter fest, welche Stellenangebote sie als Talent Scouts tatsächlich in ihren Netzwerken bewerben wollen. Neben der Betonung auf schnelle wie einfache Handhabung soll die Lösung vor allem spielerisch überzeugen.

Dabei knüpft Firstbird an den Gamification-Trend im Recruiting an. Mit spielerischen Mitteln kann online oder mobil Orientierung vermittelt und ein Test zur Kandidatenauswahl durchgeführt werden. Um Mitarbeiter zu motivieren, sich an Empfehlungsprogrammen zu beteiligen, gliedert Firstbird diesen Prozess in mehrere Stufen. So ist nicht allein die Prämie für eine erfolgreiche Empfehlung das Ziel, vielmehr werden auch dafür geleistete Zwischenschritte belohnt, etwa wenn Mitarbeiter eine vom Arbeitgeber vorgegebene Anzahl von Empfehlungen erreichen.

Über die so erworbenen Scores steht der Mitarbeiter in Konkurrenz zu seinen teilnehmenden Kollegen. Per Newsfeed ist er stets informiert über Punktestand und Prämien; ferner kann er beobachten, wie sich andere schlagen. So reizvoll das Konzept auch klingt und womöglich in der Lage ist, mehr Mitarbeiter für Empfehlungen zu mobilisieren als ohne Gamification, warnen Kritiker vor einem möglichen Overkill. Um Scorerpunkte einzuheimsen, die letztlich zu Prämien führen, würden vor allem jene Mitarbeiter zu Powermultiplikatoren, denen es weniger um die Qualität von Kandidaten gehe.

Ausblick

Wird die Mitarbeiterempfehlung sich unter Einsatz digitaler Lösungen weiterentwickeln, welche Anreizstrategien können künftig zum angestrebten Erfolg im Recruiting beitragen? Google verdoppelte die Geldprämie pro empfohlenem neuen Mitarbeiter von 2.000 auf 4.000 Dollar, ohne jedoch mehr Empfehlungen zu erhalten. Beim weltweit begehrtesten Arbeitgeber kommen die ohnehin gut entlohnten Fachkräfte als archetypische Prämiensammler kaum in Frage. Anders in der Start-Up-Szene: Dort erreicht der Anteil per Empfehlung eingestiegener Mitarbeiter nicht selten 80 Prozent. Vielleicht erklärt sich so auch die typische Atmosphäre in den überwiegend jungen Unternehmen, die für Außenstehende oft an einen Freizeitpark erinnert: Man bleibt halt gern unter sich.

Dieser Beitrag wurde erstellt von Winfried Gertz, freier Journalist, München.

Average (0 Votes)
The average rating is 0.0 stars out of 5.

Das könnte Sie auch interessieren

Content with Ausgabe 2017 » 01 .

There are no related assets available. This application will show all assets related to the main asset of the current page.