HR Fachartikel

Sie wollen fachlich in die Tiefe gehen und das möglichst mit geringem Aufwand? Dann nutzen Sie unser für Sie zusammengestelltes HR Magazin. Hier finden Sie mit nur einem Klick Fachartikel zu allen HR relevanten Themen wie Lohn & Gehalt, Talent Management, Employer Branding und vielen mehr. 

 

« Zurück

Persönliches Erwerbstätigenkonto - ein Zukunftsmodell für Deutschland?

20.000 Euro Guthaben für jeden beim Start ins Arbeitsleben - das klingt zunächst einmal verlockend und auch abwegig. Der Vorschlag der ehemaligen Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) für ein persönliches Erwerbstätigenkonto ist jedoch diskussionswürdig: Es könnte unter anderem die Eigenverantwortung stärken und soziale Ungerechtigkeiten ausgleichen. Andere EU-Länder sind schon weiter.

Lösung für drängende Zukunftsfragen?

Skizziert wurde das Konzept des persönlichen Erwerbstätigenkontos bereits im 2016 erschienenen Weißbuch Arbeiten 4.0. Demnach würde für jeden Bürger, der ins Berufsleben eintritt, ein solches Konto eingerichtet, das ihn während des gesamten Erwerbslebens begleitet. Es hätte vor allem drei Ziele:

  • Es soll helfen, Rechte, die an Arbeitnehmer gebunden sind, auch beim Wechsel des Arbeitgebers leichter übertragbar zu machen. Für die Verwaltung wäre ein staatlicher Dienstleister zuständig, der sicherstellt, dass die Wertguthaben sicher angelegt und verzinst werden.

  • Es soll die Eigenverantwortung der Beschäftigten stärken, da sie individuell und selbstbestimmt entscheiden können, wofür sie das Geld nutzen - in einem klar definierten Rahmen. So wäre beispielsweise denkbar, mit dem Kapital berufliche Weiterqualifizierungen zu finanzieren, die die Betriebe nicht übernehmen. Auch der Übergang in die Selbstständigkeit, Arbeitszeitreduzierungen oder Sabbaticals für Erziehung oder Pflege könnten damit erleichtert werden.

  • Es soll für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Hintergrund ist der Vorschlag mehrerer Ökonomen, ein sogenanntes Sozialerbe einzuführen. In Zeiten von ungleich verteilten Vermögen könnte allen jungen Menschen, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, ein zweckgebundenes Startkapital vom Staat zur Verfügung gestellt werden. Auch eine Staffelung wäre denkbar, heißt es im Weißbuch weiter: "So könnten beispielsweise diejenigen, die kein steuerfinanziertes Studium genossen haben, ein höheres Startkapital erhalten."

Andrea Nahles griff den Vorschlag bei einer OECD-Konferenz im Juni 2017 noch einmal auf - und nannte eine Summe von 20.000 Euro "sinnvoll". Das Guthaben könne zudem durch tarifvertragliche Regelungen aufgestockt werden. Die mögliche Finanzierung blieb bislang unklar. Wohl ein Grund, warum sie seinerzeit sagte, dass man mit der Idee noch am Anfang stehe. Ob und wie die SPD die Idee in den kommenden vier Jahren überhaupt weiterentwickeln kann, ist angesichts der sich weiter dahinziehenden Regierungsbildung derzeit noch offen.

Verhaltene Reaktionen

Das Konzept ist unkonventionell, aber nicht so radikal wie beispielsweise die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens. Die Reaktionen fielen zunächst verhalten aus. Der Digitalverband Bitkom etwa zeigte sich skeptisch. Mit dem Konto dürften weder die Wirtschaft noch künftige Generationen einseitig belastet werden, heißt es in einer Stellungnahme. Langzeitkonten könnten zudem dazu führen, dass Arbeitnehmer noch mehr Überstunden leisten, damit sie sie für später Zeiten aufsparen. Außerdem müsste in vielen Betrieben "wieder eine bürokratische Zeiterfassung eingeführt werden, was einen Rückschritt für das zeit- und ortsflexible Arbeitsmodell darstellen würde". Der Bitkom schlägt unter anderem vor, die Höhe der Guthaben insgesamt oder die Verwendbarkeit der Guthaben bei einem Arbeitgeber zu limitieren. Die Gewerkschaften Verdi und DGB bezeichneten die Vorschläge als noch zu vage, als dass man sie abschließend bewerten könnte.

Blick zum Nachbarn

Das Bundesarbeitsministerium selbst hatte eine Kurzexpertise in Auftrag gegeben, in der das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) anhand der Erfahrungen mit Kontenmodellen in anderen Ländern untersuchen sollte, wie solche Modelle in der Realität bislang ausgestaltet wurden. Auch hier blieben noch einige Fragen offen: Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass die existierenden Kontenmodelle bislang nur "von sehr begrenzter Reichweite" sind. Zentral für deren Gestaltung sei unter anderem die Entscheidung über die Ersetzung oder Erweiterung vorhandener Leistungen sowie die Beratung und Unterstützung bei der Inanspruchnahme der Konten.

Besonders interessant ist der Blick ins Nachbarland Frankreich: Dort wurde zum Jahresbeginn 2017 ein Erwerbstätigkeitskonto ("Compte personnel d'activité", CPA) eingeführt. Begründet wurde dies unter anderem mit dem Argument, dass die lebenslange Fort- und Weiterbildung zunehmend zu einer Schlüsselkompetenz werde sowie zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit beiträgt. Das Konto gewährt einen Rechtsanspruch auf lebenslange Fortbildung und wird 2018 auch auf Selbstständige ausgeweitet.

Die Berechtigten erwerben der Französischen Botschaft in Deutschland zufolge über ein Punktesystem Fortbildungsanwartschaften, über deren Nutzung oder deren Zeitpunkt sie frei entscheiden können. Bei einer Vollzeitbeschäftigung über fünf Jahre werden so beispielsweise 120 Stunden Fortbildung angesammelt, die in dieser Zeit abgerufen werden können. Die Finanzierung der Weiterbildungsmaßnahme erfolgt über die dem Gemeinwohl verpflichtete "Institution der Fort- und Weiterbildung", die sich aus einer von den Arbeitgebern zu leistenden Abgabe in Höhe von 0,55 bis 1,60 Prozent der Gehaltssumme finanziert.

Fazit

Ob ein persönliches Erwerbstätigenkonto ein Zukunftsmodell für Deutschland ist, ist fraglich. Es ist aber zumindest ein Modell, mit dem gleich mehrere Antworten auf drängende Fragen der Arbeitswelt von morgen beantwortet werden könnten. Um es tatsächlich als ernsthafte Option zu diskutieren, müsste aber zunächst Einigkeit herrschen über die Finanzierung, die konkrete Ausgestaltung sowie die Integration in bestehende Förder- und Sozialsysteme.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

Durchschnitt (0 Stimmen)
Die durchschnittliche Bewertung ist 0.0 von max. 5 Sternen.