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Flexible Arbeitsmodelle: Mehr Akzeptanz durch klare Vorgaben schaffen

Heute hier, morgen dort und übermorgen frei: Die moderne Welt bietet zahlreiche Möglichkeiten des zeit- und ortsunabhängigen Arbeitens. Daran müssen sich viele erst noch gewöhnen: Wer seine Arbeit lieber vom Pool oder aus dem Café abliefert, macht sich verdächtig. Es braucht klare Vorgaben, damit Arbeitgeber und Arbeitnehmer die Vorteile flexibler Arbeitsmodelle für sich nutzen können.

Flexible Arbeitsmodelle müssen gut aufgesetzt sein

Der technische Fortschritt und die Digitalisierung machen viele flexiblere Arbeitsformen erstmals für einen Großteil der Beschäftigten sowie in einem sehr umfangreichen Rahmen möglich. In der Praxis fällt es aber sowohl Führungskräften als auch den Mitarbeitenden nicht immer leicht, mit den neugewonnenen Freiheiten umzugehen. Manch einer sehnt sich insgeheim vielleicht sogar nach der überschaubaren Arbeitswelt von früher zurück, als der sprichwörtliche 9-to-5-Job die Regel war. Die digitale Transformation hat aber auch hier Spuren hinterlassen: Zumindest Unternehmen, die international tätig sind, können sich heute noch weniger als früher erlauben, pünktlich zum Feierabend die Schotten dicht zu machen.

"Die Präsenzkultur hat bald ausgedient", titelte Polycom anlässlich seiner Studie zu flexiblen Arbeitsmodellen, für die 25.000 Erwachsene in zwölf Ländern befragt wurden, darunter 2.015 in Deutschland. Das Unternehmen verdient sein Geld zwar mit Voice-, Video- und Content-Collaboration-Lösungen und dürfte damit ein Interesse an der weiteren Verbreitung flexibler Arbeitsmodelle haben. Trotzdem sind die Ergebnisse der Erhebung bemerkenswert.

So fürchteten 60 Prozent der deutschen Studienteilnehmer, durch solche Arbeitsmodelle und eine "Always-On-Mentalität" ungewollt Mehrarbeit leisten zu müssen. International machten sich knapp zwei Drittel der Befragten Sorgen, dass sie im Home-Office als weniger fleißig gelten könnten als die Kollegen im Büro. Vor allem Millennials äußerten diese Sorge besonders häufig. "Für uns ist das ein Beleg dafür, dass flexible Arbeitsmodelle nicht einfach ohne Weiteres eingeführt werden können", sagt Jens Brauer von Polycom. Stattdessen müssten zunächst Prozesse, Leitbilder und Führungskulturen in Unternehmen angepasst und flexibles Arbeiten in den Arbeitsalltag integriert werden. Fragt man die Beschäftigten, glauben die meisten, dass die Probleme durch klare Richtlinien seitens des Arbeitgebers in den Griff zu bekommen sind.

Freiheiten können auch schaden

Aber galt selbstbestimmtes Arbeiten nicht immer als erstrebenswert? Ja und nein. Zwar zählt die Personalberatung Michael Page fünf Gründe auf, warum flexible Arbeitsmodelle Teil einer jeden Unternehmensstrategie sein sollten. Dazu zählen etwa, dass Büros in der Regel keine anpassbaren Arbeitsbedingungen bieten, das zielorientiertes Arbeiten in den Vordergrund treten sollte und durch das Wegfallen der Pendelei Vorteile für die Umwelt entstehen können. Es wird jedoch zunehmend deutlicher, dass stärker differenziert werden muss.

Eine neue Studie des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung hat gezeigt, dass konkrete Richtlinien für Mitarbeiter unter Umständen besser sind als Freiheiten. Genau ging es dabei um Handlungsspielräume bei der Bearbeitung von Aufgaben. "Während sich Personen mit hohem Arbeitspensum und vielen Abgabefristen weniger erschöpft fühlen, wenn sie die eigenen Arbeitsabläufe selbst bestimmen können, können große Handlungsspielräume Berufstätige belasten, die bei der Arbeit ihre tatsächlichen Gefühle anpassen müssen." Sowohl die eigenständige Erledigung seiner Aufgaben als auch beispielsweise der Umgang mit Kunden erfordere ein hohes Maß an Selbstkontrolle. Beides gleichzeitig leisten zu müssen, kann manchen überfordern.

Gefragt sind möglichst individuelle Lösungen

Flexibles Arbeiten ist inzwischen weit verbreitet, fanden das Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) und Xing in ihrer Studie "Arbeiten in Deutschland" heraus. 21 Prozent der mehr als 8.000 Befragten hatten keine festen Arbeitszeiten, 32 Prozent konnten zumindest teilweise mobil oder im Home-Office arbeiten. "Wer mehr zeitliche und räumliche Flexibilität, Verantwortung und Autonomie hat, ist im Durchschnitt auch zufriedener mit dem Job", heißt es dort weiter.

Dennoch konstatieren die Autoren auch hier, dass es einen "nicht zu vernachlässigenden Anteil von Beschäftigten" gebe, der feste Strukturen und Vorgaben im Job bevorzuge. Weichere Vorgaben sind bei ihnen kontraproduktiv, weil sie sich herausgefordert oder sogar überfordert fühlen. Daraus lässt sich schließen: Es kommt nicht auf die richtige Lösung für ein Unternehmen an, sondern auf individuelle Lösungen, die den Präferenzen jedes einzelnen Mitarbeiters am ehesten entsprechen. Die Experten empfehlen Arbeitgebern, einerseits Bewerber noch sorgfältiger auszuwählen und andererseits verstärkt darauf zu achten, dass das Stellenprofil auch in Aspekten wie Flexibilität, Verantwortung und Autonomie den individuellen Präferenzen entspricht.

Fazit

Für Führungskräfte ist der Spagat nicht einfach, der in einer Studie von Kienbaum und Stepstone noch einmal besonders deutlich wird: Danach wünschen sich 85 Prozent der Fachkräfte, möglichst selbstbestimmt zu arbeiten. 65 Prozent gaben aber gleichzeitig an, sich einen Vorgesetzten zu wünschen, der klare Anweisungen erteilt. Hier sind Fingerspitzengefühl gefragt - und gute Tipps. Microsoft und Gallup beispielsweise haben jeweils zehn Regeln für Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammengefasst, die bei flexiblem Arbeiten helfen können. So gilt es für Unternehmen unter anderem, neue Meetingkulturen zu schaffen, Führung nicht zu vernachlässigen und das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. Beschäftigte sollten Selbstbewusstsein entwickeln, sich mit Kollegen austauschen und Verantwortung übernehmen.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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