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Geheimsache Gehalt

"Was verdienst Du?", lautet die so ziemlich obszönste Frage, die man einem Kollegen in deutschen Unternehmen stellen kann. Warum eigentlich?

Über Geld redet man nicht, lautet ein ungeschriebenes Gesetz in deutschen Unternehmen. Zumindest die Höhe ihres Gehaltes hüten die meisten Angestellten wie den Heiligen Gral. Gerade einmal 43 Prozent aller Arbeitnehmer erzählen ihrem Ehepartner, wie viel sie verdienen, hat eine aktuelle Studie der Jobseite Indeed ergeben. Bei unverheirateten Paaren liegt die entsprechende Quote gar bei gerade einmal 28 Prozent und damit niedriger als die bei Freunden (30 Prozent) oder Eltern (35 Prozent). Auch die Arbeitgeberseite lässt sich nur ungern in die Karten gucken - leistungsbezogen", "angemessen" oder "überdurchschnittlich" sind die Floskeln, mit denen in Stellenanzeigen die Gehaltshöhe vernebelt wird. Dabei ist es höchste Zeit, einmal genauer hinzusehen, nicht zuletzt, um ein paar unangenehme Wahrheiten aufzudecken.

Welche Folgen eine solche Offenheit haben kann, ist derzeit in Großbritannien zu sehen. Nachdem im vergangenen Jahr herauskam, dass die BBC ihren weiblichen Mitarbeiterinnen bis zu 50 Prozent weniger Gehalt zahlt, ging ein Beben durch den bisweilen etwas betulich wirkenden Sender. Als Carrie Gracie, prominente China-Korrespondentin, erfuhr, dass ihre männlichen Arbeitskollegen mindestens 50 Prozent mehr verdienen als die Frauen, trat sie aus Protest gegen die unfaire Bezahlung zurück. Das Medienecho war gewaltig, der Sturm der Entrüstung, der losbrach, war es auch. Da nutzte es wenig, dass BBC-Generaldirektor Tony Hall zerknirscht einräumte, in Sachen Gleichberechtigung zwischen Geschlechtern gebe es "noch zu tun".

Der britische Equality Act, ein 2010 verabschiedetes Gleichberechtigungsgesetz, sieht eigentlich vor, dass Männer und Frauen für dieselbe Arbeit dieselbe Entlohnung erhalten müssen. Doch Anspruch und Wirklichkeit gehen auch im Vereinigten Königreich offenbar weiter auseinander als vom Gesetzgeber gewünscht. Unklar ist, ob der BBC-Skandal tatsächlich zu einer Angleichung der Gehälter von Männern und Frauen führt. Eine überfällige Diskussion wird damit aber immerhin angestoßen.

Und in Deutschland? Das Anfang des Jahres in Kraft getretene Entgelttransparenzgesetz soll mehr Lohngerechtigkeit zwischen Männern und Frauen schaffen. In a nutshell: Arbeitnehmer können erfragen, was ihre Kollegen verdienen. Klingt gut, unterliegt in der Praxis leider diversen Einschränkungen. So gilt der Auskunftsanspruch nur in Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern. Soll heißen: Mehr als die Hälfte der in Deutschland Beschäftigten hat überhaupt keinen Auskunftsanspruch und guckt in die Röhre.

Zum anderen können Mitarbeiter nicht nach dem Gehalt einzelner Kollegen fragen, sondern erfahren immer nur den Durchschnittsverdienst einer Vergleichsgruppe des anderen Geschlechts im Unternehmen. Frauen erfahren so nicht, was gleich qualifizierte Kolleginnen im Schnitt verdienen, sondern nur, was die männlichen Kollegen verdienen. Männer sind aber ebenso dazu berechtigt, eine Anfrage zum durchschnittlichen Verdienst der Kolleginnen zu stellen. So wird das Gesetz dem Anspruch, zu mehr Gehaltsgerechtigkeit beizutragen, in vielerlei Hinsicht nicht gerecht. Immerhin: Betriebe mit mehr als 500 Beschäftigten müssen in einem Lagebericht regelmäßig über den Stand der Gleichstellung und der Lohngleichheit informieren.

Dabei könnten die meisten Arbeitnehmer mit mehr Offenheit durchaus umgehen: Für mehr als drei Viertel (76 Prozent) der Arbeitnehmer in Deutschland wäre es okay, wenn ihre Kollegen wüssten, was sie verdienen, ist das Ergebnis der Indeed-Studie. Aber offensichtlich war der Gesetzgeber noch nicht so weit, ein entsprechend "hartes" Transparenzgesetz auf den Weg zu bringen - oder die Lobbyarbeit der Unternehmen war zu gut.

Bleibt zu hoffen, dass ein ähnlich prominenter Fall wie in Großbritannien auch in Deutschland Wellen schlägt. Vielleicht ja bei den Öffentlich-Rechtlichen? Die haben immerhin eine ähnliche moralische Fallhöhe wie die BBC.

Dieser Beitrag wurde erstellt von Sven Frost.

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