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Social Loafing: Wie Teams sich selbst ausbremsen

Manchmal ist das Ganze nicht mehr, sondern weniger als die Summe der einzelnen Teile. Der Effekt, dass sich Mitglieder einer Arbeitsgruppe mitunter leistungsschwächer zeigen als wenn sie alleine arbeiten, ist schon länger bekannt. Mittlerweile weiß man jedoch genauer, warum das so ist - und wie Führungskräfte verhindern können, dass es zu "Social Loafing" kommt.

Je mehr, desto weniger

Wissen Sie, was die Abkürzung Team bedeutet? Toll, ein anderer macht's. Zugegeben, der Witz ist nicht mehr ganz neu - aber er beschreibt prägnant, was Wissenschaftler unter dem Phänomen Social Loafing oder Ringelmann-Effekt verstehen. Den französischen Agraringenieur Maximilien Ringelmann machte es 1882 stutzig, dass zwei Pferde, die eine Kutsche zogen, keine doppelt so hohe Leistung zeigten wie ein einziges.

Daraufhin testete er Ähnliches bei Menschen. Er ließ einen bis acht Studenten an einem Seil ziehen, um die Zugkraft zu messen. Auch hier zeigte sich: Während einer noch 63 Kilogramm zog, schafften drei nicht, wie zu erwarten, 189, sondern nur 160 Kilogramm. Alle acht Studenten zogen 248 Kilogramm. Unter dem Strich waren also alle Teammitglieder im Schnitt nur noch mit halber Kraft dabei.

Effekt hat psychologische Gründe

Ringelmann führte den Effekt zunächst allein auf den Koordinationsverlust zurück, schreibt Katrin Vogt in ihrer Dissertation. Erst Ende der 1970er-Jahre griffen andere Forscher die Ergebnisse wieder auf und fanden heraus, dass die vermeintliche Faulheit (auch) andere Gründe hat, die vor allem psychologischer Natur sind. Dazu zählen nach heutiger Erkenntnis

  • dass die einzelne Leistung in der Gruppe nicht mehr erkennbar beziehungsweise vergleichbar ist.

  • die Gruppengröße, die es den Einzelnen bei wachsender Zahl leichter macht, in der Menge zu verschwinden.

  • die Verteilung von Druck. In einer Gruppe verteilt er sich auf mehrere Schultern, ist also für die einzelnen Mitglieder weniger stark.

  • Zweifel an der Gerechtigkeit. Vermuten die Gruppenteilnehmer, dass sich ihre Kolleginnen oder Kollegen nicht genug anstrengen, nehmen auch sie selbst das Fuß vom Gas. Positiv ausgedrückt: Sie verlassen sich auf die anderen, die ihrerseits womöglich ebenso denken.

Weitere Forschungen bestätigten und verfeinerten diese Ergebnisse. So zeigte sich unter anderem, dass Menschen, die ihre Fähigkeiten als überdurchschnittlich einschätzten, Social Loafing in simplen kooperativen Aufgaben zeigten, nicht aber in komplexen, berichtet Professor Dr. Erich H. Witte. Denkbar ist beispielsweise, dass sich der Einzelne bei schwierigen Aufgaben nicht langweilt und durch die Gruppe im Rücken sicherer fühlt.

Der mittlerweile ebenfalls etablierte Begriff soziales Faulenzen ist, wie auch die Wendung von "sozial Schwachen", nicht gut gewählt. Schließlich soll kein Urteil über die Betroffenen im Umgang mit anderen Menschen getroffen werden. Sozial Schwache sind meist nicht sozial, sondern ökonomisch schwach, und soziale Faulenzer müssen noch lange nicht sozial faul sein.

Maßnahmen gegen Social Loafing

Unternehmen und ihre Führungskräfte sind daran interessiert, wie sie Social Loafing vermeiden können. Aus den Erkenntnissen ergeben sich bereits einige Anhaltspunkte. Zunächst einmal ist festzuhalten, dass der Ringelmann-Effekt nicht immer und überall auftreten muss. So können zum Beispiel der Zeitdruck so groß oder die Ressourcen so knapp sein, dass die Teammitglieder volle Leistung bringen müssen, um hinterher nicht alle auf der Verliererseite zu stehen. Auch wird heutzutage bereits stark auf die Teamzusammensetzung geachtet, in der jedes Mitglied mitunter eigene, unverwechselbare Qualifikationen besitzt. Hinzu kommt, dass die Leistung Einzelner und das Führen mithilfe von Kennzahlen in Zeiten der Digitalisierung meist genauer gemessen werden kann, als dies noch vor 20 Jahren der Fall war.

Social Loafing ist teuer und ineffizient. Christian Setzwein, Geschäftsführer der Setzwein IT-Management GmbH, hat einige der Schlussfolgerungen, die sich aus dem Ringelmann-Effekt für Führungskräfte ergeben, zusammengefasst. Dazu zählt, dass sie den Teammitgliedern zyklisch verdeutlichen sollten, welche Verantwortung sie für das gesamte Ergebnis tragen. Die Leistung der Einzelnen kann zudem durch Maßnahmen wie individuelle Ziele und Belohnungen verdeutlicht und gefördert werden. Da Social Loafing vor allem bei Routineaufgaben auftritt, sollte, soweit möglich, für wiederholte neue Herausforderungen gesorgt werden.

Wettbewerb schaffen, die Gruppe nicht zu groß wählen und ihren Zusammenhalt stärken, empfiehlt Witte darüber hinaus. Hinzu kommen interessante Ergebnisse weiterer Forschungen. So neigen Männer eher zum Social Loafing als Frauen. Wenn Menschen mit einem Partner des anderen Geschlechts arbeiten, von dem sie annehmen, dass er oder sie besser ist, kann ihre Leistung sogar über die Einzelleistung hinaus steigen. Annette Feuchter und Joachim Funke konnten des Weiteren zeigen, dass eine kollektive Verantwortlichkeit zwar ein Nachlassen der Anstrengung wahrscheinlich werden lässt. Unter Umständen kann dies jedoch paradoxerweise trotzdem zu einer erhöhten Leistung führen.

Fazit

Social Loafing geschieht oft nicht bewusst, sondern ist Folge verschiedener psychologischer Effekte, die bis heute noch nicht vollkommen erforscht sind. Unternehmen sollten bei der Zusammensetzung von Teams das, was bisher bekannt ist, berücksichtigen. Ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, sollte Social Loafing sanktioniert werden. Es kann nämlich schon ein entsprechend handelndes Gruppenmitglied reichen, um auch die anderen zu demotivieren.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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