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Büroschlaf - davon profitieren Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen

Schon ein kurzes Nickerchen in der Mittagspause kann die Leistungsfähigkeit von Beschäftigten deutlich steigern. Die meisten Firmenchefs scheuen sich dennoch davor, ihre Mitarbeiter in der Pause schlafen zu lassen - aus Imagegründen.

Wenn es Mittag wird bei BASF, kommt die Zeit, ins Bett zu gehen. Während anderswo in der Republik Leberwurstbrote und Zeitungen ausgepackt werden, gönnen sich BASF-Mitarbeiter ein kurzes Schläfchen. In den Pausenräumen sind schlafende Angestellte längst kein ungewöhnliches Bild mehr.

Was in vielen Unternehmen unvorstellbar ist, wird beim Ludwigshafener Chemiekonzern gefördert. BASF setzt auf die erholsame Wirkung des Nickerchens am Arbeitsplatz, seit zehn Jahren bietet das Dax-Unternehmen Powernapping-Seminare an. Über 500 Mitarbeiter haben bereits teilgenommen, die Mehrheit davon arbeitet in der Produktion. Die Nickerchen sollen vor allem gegen Mittagsmüdigkeit helfen, aber auch vor Schlafattacken während der Nachtschicht schützen.

Die Mitarbeiter hauen sich dabei nicht einfach aufs Ohr. Ein effektiver Kurzschlaf will systematisch trainiert sein: Speziell geschulte Kursleiter vermitteln ihnen Entspannungstechniken, die schnelles Einschlafen ermöglichen. So kann die erwünschte Wirkung der Schlummerpause entsprechend bald eintreten. "Schon nach zehn Minuten ist das Nervensystem von Stress- auf Ruhefunktion umgeschaltet", sagt BASF-Betriebsarzt Stefan Webendörfer. Damit meint er: Der Puls fährt herunter, Blutkreislauf und Stoffwechsel beruhigen sich, sodass sich der Körper erholen kann. Am Ende einer Kurseinheit wirkten die Teilnehmer ausgeglichener als zuvor, stellte er fest. Viele Schichtmitarbeiter hätten ihm zudem von einer "erfrischenden Wirkung der Nickerchen" erzählt.

Gut fürs Gedächtnis

Die Wissenschaft gibt dem Betriebsarzt recht: Studien belegen, dass schon ein kurzer Mittagsschlaf die Konzentrations-und Leistungsfähigkeit in den Stunden danach um bis zu 35 Prozent steigern kann. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam zuletzt auch Olaf Lahl vom Institut für Experimentelle Psychologie an der Universität Düsseldorf. In seiner Untersuchung sollten Testpersonen innerhalb von zwei Minuten mehrere Wörter auswendig lernen. Danach schickte der Psychologe seine Probanden in die Mittagspause. Während die eine Hälfte der Teilnehmer wach blieb, durfte die andere exakt sechs Minuten lang dösen. Das Ergebnis: Die Sechs-Minuten-Schläfer konnten deutlich mehr der gelernten Wörter wiedergeben als jene, die wach geblieben waren.

Lennart Knaack vom Zentrum für Schlafmedizin und Schlafforschung Intersom bestätigt die positive Wirkung. Damit das kleine Büroschläfchen den größtmöglichen Effekt entfalten kann, hat der Somnologe verschiedene Tipps parat: Zunächst sollte das Nickerchen keinesfalls länger als 20 Minuten dauern. "Es geht nicht darum, sich auszuschlafen", sagt Knaack. Denn wer nachts ausreichend und gut schlafe, der brauche mittags auch nur eine kurze Erholungspause. "Ich ermögliche dem Körper aber zu schlafen, falls er es braucht." Weiterhin erhöhe flaches Liegen die Wahrscheinlichkeit, auch einzuschlafen. Weiche Büropritschen seien aber nicht unbedingt notwendig. "Auch ein bequemer oder verstellbarer Stuhl kann diese Funktion erfüllen", sagt der Kölner Schlafforscher. Knaacks letzter Tipp klingt verblüffend, kann den Erfrischungseffekt des Powernaps aber noch steigern: eine Tasse Kaffee unmittelbar vor dem Schläfchen. Denn kaum jemand weiß, dass Koffein seine volle Wirkung erst nach etwa 30 Minuten entfaltet, also deutlich nach der optimalen Schlafdauer.

Schlafende Beamte

Aus wissenschaftlicher Perspektive spricht also alles für das Büroschläfchen zwischendurch. Und dennoch macht kaum jemand davon Gebrauch, offenbar aus Sorge um den Ruf. Tatsächlich haben es Pioniere auf diesem Gebiet nicht immer einfach: Als im Jahr 2000 bekannt wurde, dass die Stadtverwaltung Vechta die Mittagspause einiger Mitarbeiter um 20 Minuten verlängert hatte, um ihnen einen Mittagsschlaf zu ermöglichen, berichteten zahlreiche Medien darüber, und das nicht ohne Häme. Viele sahen das Bild des schlafenden Beamten bestätigt. Dabei konnte die Abteilung mehr Anträge als zuvor abarbeiten und der Krankenstand lag nach Einführung der Schlafpausen deutlich unter dem Durchschnitt. Diese Erfolge wurden allerdings erst später erkennbar, zu einem Zeitpunkt, als die Vechtaer ihren Ruf als dösende Beamte bereits weghatten.

Das Thema bleibt heikel. Trotzdem wagen immer wieder vereinzelte Firmen Versuche, die verbriefte Wirkung des Mittagsschlafs zu nutzen. Der Heizungsbauer Vaillant etwa. In dessen Gelsenkirchener Büros können bis zu 90 Servicemitarbeiter in Ruheräumen ein Nickerchen machen. Ursprünglich wurden die Räume 2002 für eine wissenschaftliche Untersuchung eingerichtet. Bei einigen Angestellten kamen die Räume aber so gut an, dass diese erhalten wurden. Vaillant lädt also nicht offensiv zur Schlummerpause ein, duldet sie in Gelsenkirchen aber. An anderen Standorten hätten die Mitarbeiter nicht danach verlangt, erzählt Unternehmenssprecher Daniel Küser. Im Werksbereich hätte die Belegschaft ein entsprechendes Angebot sogar abgelehnt. Die Servicegesellschaft in Gelsenkirchen ist also eine Ausnahme bei Vaillant.

Von insgesamt 12 000 Mitarbeitern können sich damit lediglich 90 aufs Ohr hauen. Küser betont, dass nur in den Pausen geschlafen wird. Das vermittelt, dass das Unternehmen grundsätzlich keinen Wert darauf legt, dass eine breite Öffentlichkeit die Schlafgewohnheiten seiner Mitarbeiter diskutiert.

Viva la Siesta

Mario Filoxenidis hat so etwas schon oft gehört. "Die Unternehmen zieren sich, nach außen zu berichten, dass sie sich mit dem Thema beschäftigen." Denn auf sarkastische Reaktionen würden die Firmenbosse gerne verzichten. Deshalb fehle es auch an motivierenden Vorbildern in der Unternehmensleitung, die das Büroschläfchen vorleben. Unternehmer von den Vorteilen zu überzeugen, gehört zu Filoxenidis' Job. Seit nunmehr 16 Jahren ist er als sogenannter Siesta-Consulter unterwegs. Der gebürtige Österreicher mit griechischen Wurzeln berät Unternehmensleiter, wie sie die Voraussetzungen für ein erholsames Büroschläfchen ihrer Mitarbeiter schaffen können. Auf die Geschäftsidee kam Filoxenidis auf der Terrasse seiner Eltern in Griechenland - nach einer Siesta. Als er wieder aufwachte, stellte er sich die Frage: Wie beeinflusst Schlaf eigentlich die Leistungsfähigkeit von Menschen? "Zurück in meiner Heimat Wien habe ich recherchiert, aber damals, 2001, nichts dazu gefunden", sagt Filoxenidis. Also habe er das Thema selbst aufgegriffen, sich mit Chronobiologie, Schlafforschung und Landeskulturen befasst - und sein Unternehmen Siesta Consulting gegründet.

Das Klischee von der faulen Socke

Zahlreiche Vorträge hat der 52-Jährige seitdem gehalten. Mit einigen Firmenchefs, die ihm zugehört haben, hat er anschließend Projekte umgesetzt, vom einfachen Schlafraum mit fünf Pritschen bis hin zum Designkunstwerk für weit über 100 000 Euro. Den einen, optimalen Ruheraum gebe es nicht, sagt Filoxenidis: "Er muss zur Unternehmenskultur passen." Bei einer Start-up-Bude sei anderes geboten als bei einem Finanzdienstleister. Ein paar Rahmenbedingungen hält er aber für unerlässlich: Ruhe, Dunkelheit und genügend Liegemöglichkeiten.

Das vorherrschende Klischee konnte er mit seiner Arbeit noch nicht aufbrechen. Man verbinde mit Schlafenden in der Öffentlichkeit nach wie vor betrunkene, ohnmächtige oder schlichtweg faule Leute, nicht Menschen, die ihre Leistung optimieren. "Dass diesbezüglich ein Umdenken stattfindet", sagt der Siesta-Consulter, "ist leider noch Utopie." Für ihn allerdings kein Problem. Er versteht nicht nur was vom Schlafen, sondern auch vom Träumen.

Dieser Beitrag wurde erstellt von Laurin Meyer und Julian Rodemann.

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