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Digitale Assistenzsysteme: Entwicklungsstand und Nutzen für die betriebliche Praxis

Oft ist die Rede davon, wie viele Arbeitsplätze durch Robotik und Automation wegfallen könnten. Digitale Assistenzsysteme verfolgen einen anderen Ansatz: Sie sollen Menschen nicht ersetzen, sondern ihnen die Arbeit erleichtern, sie unterstützen und ihnen dabei helfen, Fehler zu vermeiden. Die Technik ist bereits weitverbreitet, weil der unmittelbare Nutzen schnell deutlich wird.

Die Maschine hilft dem Menschen

Die Definition digitaler Assistenzsysteme des österreichischen Anbieters Evolaris ist prägnant und verständlich: Es sind "innovative Technologien und Anwendungen, die den Menschen im Betrieb bei der Ausführung seiner Tätigkeiten kognitiv unterstützen und dabei gleichzeitig Vorteile für Unternehmen (zum Beispiel Kundenbindung, Prozessoptimierung) bringen". In einigen Bereichen werden solche Systeme schon länger eingesetzt. Zum Beispiel, um Menschen mit Behinderungen und damit die Inklusion zu fördern.

Das Institut für Integrierte Produktion Hannover (IPH) berichtet von einem Unternehmen, das darüber hinaus gleichzeitig auch noch dem Fachkräftemangel ein Schnippchen geschlagen hat. 14 Menschen mit Behinderungen arbeiten mittlerweile bei der Schubs GmbH und montieren dort Schaltschränke. Angeleitet werden sie dabei von einem digitalen Assistenten, der jedes Bauteil dorthin projiziert, wo es hingehört. Damit werden auch die raren Elektrofachkräfte entlastet, deren Know-how an anderer Stelle ebenso dringend benötigt wird.

Der Unterstützungsbedarf variiert stark

Längst haben solche Systeme ihre Nischen verlassen und kommen großflächig zum Einsatz - zumindest in der Produktion. Das beschriebene Pick-by-Light-Verfahren ist eines der populärsten Beispiele. Die Entwicklung ist aber bereits weiter vorangeschritten. Das Bundesarbeitsministerium (BMAS) veröffentlichte im Januar 2018 einen Forschungsbericht, in dem der aktuelle Status quo dargestellt wird. Es sei davon auszugehen, dass insbesondere kognitiv unterstützende Funktionen künftig nicht mehr an spezielle Geräte gebunden, sondern auf nahezu jedem möglich sein werden, von dem Smartphone bis zur Werkzeugmaschine.

Die Anwendungsgebiete sind vielfältig. Unterschieden werden Systeme mit niedrigem, mittlerem, hohem sowie mit variablem Anforderungsniveau. Das projektionsgestützte Werkerassistenzsystem oder adaptive Hilfen zum Heben schwerer Lasten werden zur ersten Gruppe gezählt. Als anspruchsvoller werden intuitive Kundenmanagement- oder intelligente Bildverarbeitungs-Software eingeschätzt. Ein hohes Anforderungsniveau haben unter anderem integrierte Ausbildungssysteme für die Aus- und Weiterbildung in der Elektrotechnik oder kontextsensitive Hörassistenzen. Portable Lern- und Wissensplattformen gehören zu Assistenzen mit variablem Anforderungsniveau.

Ein Patentrezept gibt es nicht. Der Unterstützungsbedarf ist abhängig von Mitarbeitertypen und Aufgaben. Der Personalabteilung kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Nicht nur, dass sie selbst zunehmend Prozesse digitalisiert und die Workforce Management-Systeme immer stärker assistierenden Charakter annehmen. Sie sind auch für die Fachkräftesicherung verantwortlich, die zunehmend schwieriger wird. Insofern spielt HR eine strategische Rolle, wenn es um den Einsatz solcher Systeme geht - gleich, ob in der Produktionshalle oder im Servicecenter. Oliver Bülchmann vom Institut für Sozialstrategie stellt sogar die These auf, dass Kreativ- und Arbeitsprozesse zunehmend, auch mithilfe künstlicher Intelligenz, verschmelzen werden.

Zweierlei sollte bei allem Fortschritt nicht vergessen werden, heben die Autoren vom Institut für Innovation und Technik (IIT) hervor: Zentral für die Akzeptanz solcher Systeme sind generell arbeits- und motivationspsychologische Aspekte, schreiben sie im BMAS-Bericht. Daher sollten die späteren Nutzer früh in den Prozess eingebunden werden. In einer anderen Studie hebt das Institut zudem hervor, dass auch der Schutz der Persönlichkeitsrechte, die informationelle Selbstbestimmung und das Vertrauen in den Datenschutz wichtig für die Akzeptanz seien.

Viel Licht - und ein wenig Schatten

Konkrete Beispiele für den betrieblichen Nutzen zeigt das RKW Kompetenzzentrum auf. Ein Forschungsprojekt bei einem Automobilhersteller brachte unter anderem das Ergebnis, dass alle Mitarbeiter den Nutzen der eingesetzten Assistenzsysteme betonten. Das Wegfallen potenzieller Fehlerquellen sahen sie als große Entlastung. Auch körperliche Belastungen wurden abgebaut und damit "der Einsatz leistungsgewandelter älterer Mitarbeiter in dem Arbeitsbereich ermöglicht". Es gab jedoch auch noch Optimierungsbedarf: Beschäftigte berichteten von gestiegenen Anforderungen an dauerhafte Konzentration. Zudem seien Spielräume für Ausgleichsbewegungen weggefallen - in der Produktionshalle etwa der Gang zum Regal.

Die Kompetenzzentren Mittelstand 4.0 in Augsburg und Darmstadt haben einen Praxisleitfaden veröffentlicht, der nicht nur weitere Beispiele digitaler Assistenzsysteme aufführt, sondern auch eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für Unternehmen zur Annäherung an das Thema enthält.

Fazit

Die Zusammenfassung des BMAS-Forschungsberichts fällt eindeutig aus. Digitalen Assistenzsystemen wird zugetraut, Beschäftige von schweren, monotonen, gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten entlasten, die Qualität der Arbeit steigern, lern- und innovationsförderliche Arbeitsprozesse unterstützen und die Teilhabemöglichkeiten an Arbeit erhöhen zu können. Der derzeitige Entwicklungsstand sei unterdessen von "einer gewissen Ambivalenz" gekennzeichnet. Während die industrielle Produktion Vorreiter ist, gebe es vielfältige Sektoren wie die Pflege, in denen Assistenzsysteme wünschenswert wären, bis auf wenige Anwendungen aber noch nicht aus ihrem Nischendasein geführt werden konnten.

Der Nutzen solcher Systeme scheint aber allgemein immer mehr anerkannt zu werden, sofern er die Arbeit der Menschen sinnvoll ergänzt. Personaler sollten die Entwicklung im Auge behalten und nach Anwendungsfällen suchen, in denen digitale Assistenzsysteme die Betriebsabläufe und die Erledigung der eigenen Aufgaben erleichtern oder verbessern können.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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