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Offsite-Bewerbungsgespräche - Neuer Trend im Recruiting

Der Arbeitsmarkt ist in den meisten Branchen längst zu einem Arbeitnehmermarkt geworden, auf dem Unternehmen den Bewerbern entgegenkommen müssen - und nicht umgekehrt. Da erstaunt es, dass das hierzulande noch kaum jemand wörtlich nimmt. Im Ausland sind Offsite-Bewerbungsgespräche in Cafés oder Parks schon länger üblich. Sie können bei richtiger Vorbereitung beiden Seiten Vorteile bringen.

Unkonventionell, aber Erfolg versprechend

Kein Alkohol, kein Fingerfood, nichts Problematisches wie weiche Eier oder Salate - und bitte nicht den Kellner beschimpfen. Was sich nach einer strengen Diät anhört, sind gutgemeinte Tipps von Berater und Coach Paul Powers für Bewerber, die sich auf ein Offsite-Bewerbungsgespräch in einem Restaurant vorbereiten. Gut zu wissen, aber sicherlich nicht allein ausschlaggebend dafür, ob es zu einer Anstellung kommt oder nicht.

Das Beispiel veranschaulicht aber einen der Hauptgründe dafür, Vorstellungsgespräche auf neutralem Terrain zu verabreden: Die Atmosphäre ist ungezwungener und weniger formal. Das nimmt den Druck aus der zumindest für Bewerber manchmal unangenehmen Situation. Im Idealfall präsentiert sich der Kandidat eher von seiner persönlichen Seite, als er es im Büro des Personalers täte. Es zeigt zudem, dass der Personaler sich um die Person bemüht. Es soll schon vorgekommen sein, dass Bewerbungsgespräche in die Kaffeeküche verlegt werden mussten, weil gerade kein Besprechungsraum frei war. Das Entgegenkommen kann auch räumliche Gründe haben, berichtet Philipp Kratz, Marketing Manager beim Büroflächenvermieter Spacebase. Wohnt der Bewerber weiter entfernt oder hat er sonstige Schwierigkeiten, das Büro zu erreichen, sammelt das Unternehmen bei einem Treffen auf halber Strecke Pluspunkte.

Kratz nennt bei glassdoor.de weitere Vorteile von Offsite-Bewerbungsgesprächen. Die Methode sei besonders Erfolg versprechend, wenn gleichzeitig Reaktionen auf (unvorhergesehene) Herausforderungen getestet werden können, die dem Kandidaten auch im späteren Job begegnen könnten. So könnten Modedesigner etwa die Kleidung anderer Besucher oder Passanten beurteilen, oder Eventmanager in einem Bahnhofsrestaurant zur Mittagszeit unter Beweis stellen, dass sie auch im Trubel konzentrationsfähig sind.

Zu viel Lockerheit ist allerdings nicht gut. Auf einschlägigen Webseiten werden Bewerber folglich auch vehement davor gewarnt, ihre Verteidigungslinien trotz des zutraulichen Ambientes zu sehr herunterzufahren. Gleiches gilt für die Recruiter, doch sind sie in der Regel erfahren und professionell genug, um zu wissen was sie tun - Paul Powers nennt sie gar wahre Straßenkämpfer ("road warriors").

Gute Vorbereitung ist nötig

Apropos zu viel Lockerheit: Auch wenn - oder gerade weil das Treffen möglichst ungezwungen verlaufen soll, ist eine gute Vorbereitung seitens der Personalabteilung unabdingbar. Die sollte so gründlich verlaufen wie bei einem Bewerbungsgespräch im Unternehmen. Hinzu kommen weitere Details, berichtet Dona DeZube, Expertin bei der Jobbörse Monster. Der Personaler sollte frühzeitig an Ort und Stelle sein und die Einrichtung im Vorfeld darüber informieren, dass ein Vorstellungsgespräch stattfindet, damit der Bewerber gegebenenfalls an den richtigen Platz geführt werden kann. An beliebten Treffpunkten sollte zudem ein Tisch reserviert werden. Es empfiehlt sich des Weiteren, dem Bewerber die eigene Handynummer oder eine andere Kontaktmöglichkeit zu nennen, falls er kurzfristig nicht pünktlich am vereinbarten Treffpunkt erscheinen kann.

Außerdem sollte zwischen den Interviews genügend Zeit eingeplant werden, damit sich die Kandidaten nicht, überspitzt ausgedrückt, in der Hotellobby auf die Füße treten. Mindestens 25 Minuten sollte das Gespräch dauern, auch wenn früher klar ist, dass der Bewerber für die vakante Stelle nicht der richtige ist. Er könnte in ein anderes Anforderungsprofil passen - oder zumindest Kunde sein oder werden.

Personaler sollten außerdem die Kosten für eine etwaige Verpflegung übernehmen - andernfalls wirft dies kein gutes Licht auf den Arbeitgeber, der ohnehin zur Übernahme der anfallenden Kosten bei einem Bewerbungsgespräch verpflichtet ist. Auch aus dieser Situation kann der Recruiter aber wertvolle Eindrücke gewinnen: Fragt der Kandidat zumindest nach und bedankt er sich, sind dies keine schlechten Zeichen hinsichtlich seiner Sozialkompetenz.

Fazit

Offsite-Bewerbungsgespräche zwingen den Personaler, seine Komfortzone zu verlassen. In der Öffentlichkeit können eher einmal Situationen entstehen, von denen auch er überrascht wird. Wem der Schritt zu groß ist, findet beispielsweise in Hotellobbys ansprechende Möglichkeiten, einen Kaffee in vertraulicher, aber doch ungezwungener Atmosphäre mit dem Bewerber zu trinken. Das Charmante an der Methode ist, dass sich der Bewerber in der Regel eher so zeigen wird, wie er wirklich ist. Das Fachliche klopfen Recruiter ohnehin schon vor dem Interview ab. Dort kommt es vor allem darauf an, zu prüfen, ob der Bewerber charakterlich ins Team passen könnte. Sicherlich kommen Bewerbungsgespräche auf neutralem Terrain nicht für jedes Unternehmen und für jede Position infrage. Einen Versuch ist es aber bei passender Gelegenheit allemal wert.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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