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Faking im Bewerbungsgespräch: Sind Blender die besseren Leistungsträger?

Fake klingt hart - Impression Management schon besser. Das eine muss nicht unbedingt das andere bedeuten, aber die Grenzen sind im Arbeitsleben mitunter fließend: Bewerber wollen sich ihrem potenziellen Arbeitgeber so vorteilhaft wie möglich präsentieren. Während manche Personaler versuchen, Unwahrheiten auf die Schliche zu kommen, lobt eine neue Studie die Vorzüge der Blender.

Faking in Maßen gehört dazu

Um es vorneweg zu sagen: Lügen ist kein Kavaliersdelikt und kann unter Umständen auch noch Jahre nach der Einstellung zur Kündigung führen. Es ist aber legitim, im Bewerbungsgespräch Schwächen eher weniger zu betonen und Stärken herauszukehren. Grobe Unwahrheiten spielen in der Praxis ohnehin eine untergeordnete Rolle, sagt Professor Dr. Cornelius König von der Universität des Saarlandes gegenüber der Jobbörse Monster: "Meistens geht es darum, dass Dinge, die vorhanden sind, übertrieben oder abgeschwächt werden." Faking sei nicht mit Lügen gleichzustellen, sondern als Teil des Spiels "Bewerbung" anzusehen. Das Ziel des Bewerbers sei nicht, den Personaler zu täuschen, ergänzt sein Kollege Dr. Clemens Fell. Auch dieser sehe Faking als "Teil des Deals" an.

Beraterin Brigitte Herrmann gibt den Unternehmern eine Mitschuld am Faking: Sie präsentierten sich als Top-Arbeitgeber und suchten entsprechend die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau: "Je mehr Unternehmen nur echte High Potentials wollen, umso höher ist vermutlich der zu erwartende Fake-Quotient an der Bewerberfront."

Blender haben auch Qualitäten

Umso mehr ließ eine Studie der Universität Ulm im Februar 2018 aufhorchen. "Wer übertreibt, gewinnt - und ist oft besonders leistungsfähig", titelten die Forscher. Frühere Untersuchungen hätten ergeben, dass mehr als 90 Prozent der Bewerber ihre Antworten in Auswahlgesprächen anpassen, um einen besseren Eindruck zu machen. Die eine oder andere Übertreibung ist da eingepreist. Das kann allerdings dazu führen, dass der Ehrliche der Dumme ist. Die Wissenschaftler luden nun 111 Probanden zu jeweils zwei Interviews ein. Im ersten sollten sie sich bestmöglich präsentieren, im zweiten ehrlich.

Die Ergebnisse dürften Personaler beruhigen, heißt es bei der Uni weiter. "Tatsächlich sind Bewerber besser beurteilt worden, wenn sie ,Faking' einsetzten", sagt Dr. Anne-Kathrin Bühl. Das Ausmaß der Verbesserung hing unter anderem jedoch systematisch mit dem Abschneiden bei einem ebenfalls durchgeführten Intelligenztest zusammen. Faking trage also möglicherweise gar nicht dazu bei, dass die Falschen ausgewählt werden: Es lässt vielmehr auf eine hohe kognitive Leistungsfähigkeit schließen. Kurz: Faken muss man können.

Enttarnung ist schwer bis unmöglich

Trotzdem heiligt der Zweck nicht alle Mittel. So ist zum einen anzunehmen, dass die meisten Personaler auch Wert auf Werte wie Ehrlichkeit oder Selbstkritik legen. Zum anderen ist gut nachzuvollziehen, wie ehrliche Bewerber sich fühlen, wenn sie merken, dass ein Blender ihnen den Traumjob vor der Nase weggeschnappt hat. Es ist also kein Wunder, dass Arbeitgeber versuchen, Fakern auf verschiedene Weise auf die Schliche zu kommen. Dazu hilft es beispielsweise, ihre Tricks zu kennen. Viasto, ein Start-up, das Lösungen für Videointerviews anbietet, fasst Ergebnisse mehrerer Studien zusammen und stellt die vier gängigsten Faker-Taktiken von Bewerbern vor. Zu den weichen Taktiken zählen das Beschönigen, Zurechtrücken sowie die Erhöhung des Fits. Härtere sind das Konstruieren, Erfinden oder Ausleihen. Bei gezielten Nachfragen tendieren Blender zum Weglassen, Übergehen oder Distanzieren. Zum Schmeicheln schließlich zählen beispielsweise das Bestätigen der Meinung des Gegenübers oder das Erhöhen, vielleicht sogar die Überhöhung des potenziellen Arbeitgebers.

Die Frage ist, wer gefragt ist

Sollten Personaler viel Energie, Zeit und auch Geld aufwenden sollten, um den Fakern auf die Schliche zu kommen? Mehrere Studien haben gezeigt, dass das, wenn überhaupt, nur schwer möglich ist. Blanke Lügen scheinen zudem eher selten zu sein. Der technologische Fortschritt könnte Personalern zwar Hilfsmittel an die Hand geben. So nutzt der Versicherungskonzern Talanx etwa eine Sprachanalysesoftware im Rekrutierungsverfahren, bei dem über seine Äußerungen die Persönlichkeit des Bewerbers analysiert werden soll. Würde man solche Mittel auch dazu nutzen wollen, um mögliche Faker zu enttarnen - das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Kandidat wäre wohl schon von Beginn an zerstört.

"Wer als Bewerber das Gefühl hat, er ist so wie er ist nicht gut genug, beziehungsweise ihm wird von Anfang an misstraut und deshalb auf den Zahn gefühlt, geht automatisch in eine Darstellerhaltung, die mit Echtheit nicht mehr viel zu tun hat", sagt Brigitte Herrmann. Vielversprechender scheint daher ein anderer Ansatz, auf den die Studie der Universität Ulm ebenfalls hindeutet: Zwar erfordert Faking ein hohes Maß an kognitiven Fähigkeiten, und das Verhalten mindere nicht unbedingt die Aussagekraft von Bewerbungsgesprächen. Es komme aber darauf an, auf welche Leistungsdimensionen Interviewer schließen wollen. So lieferte das "ehrliche" Interview eine bessere Vorhersage bezüglich kontextbezogener Leistungen wie etwa freiwilliges Engagement und Hilfsbereitschaft.

Fazit

Ob Blender die besseren Leistungsträger sind, muss mit einem klaren Jein beantwortet werden. Geht es um bestimmte Fähigkeiten, die beispielsweise im Verkauf besonders gefragt sind, können sie durchaus Karriere machen. Mindestens ebenso wichtig ist aber in den meisten Unternehmen eher, ob der Bewerber ins Team passt, sich sozial verhält und die gemeinsamen Werte teilt. Wer einmal lügt (oder beschönigt), dem glaubt man nicht mehr uneingeschränkt. Das gilt übrigens gleichfalls für Personaler: Wer eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zum Ziel hat, sollte auch das Unternehmen realistisch darstellen.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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