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BGM-Zertifikate: Mehr Schein als Sein?

Wie aussagekräftig sind Siegel und Zertifikate, die ein "gesundes Unternehmen" bescheinigen? Ihre Relevanz sollte in jedem Fall kritisch geprüft werden.

"Tue Gutes und rede darüber" - ein "Zeugnis", das dem Arbeitgeber bescheinigt, in die Gesundheit seiner Mitarbeiter und der Organisation zu investieren, ist vermeintlich Gold wert. Das Unternehmen kann einen Imagegewinn erzielen, der sowohl intern als auch extern strahlt. Mehr noch, im Wettbewerb um qualifizierte Bewerber gehört es heutzutage fast schon zur Pflicht, Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung anzubieten. Die Frage, die sich Unternehmen, Mitarbeiter und potenzielle Bewerber bei solchen Auszeichnungen aber stellen sollten, ist: Zielen sie vorrangig auf die Verbesserung der gesundheitlichen Situation der Organisation ab oder eher auf einen Werbeeffekt?

Kommerziell getrieben

Nicht nur Unternehmen haben Interesse an einem Zertifikat, das ihnen ein "gesundes Unternehmen" bescheinigt. Die Anbieter versprechen sich mitunter Umsatz durch Teilnahmegebühren an der Zertifizierung und Kongressen oder ebenfalls Marketingeffekte, wie im Fall der Krankenkassen - sagt Professor Dr. Volker Nürnberg, der den Fachbereich Gesundheitswirtschaft als Advisory Partner bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO leitet. Der Markt an Arbeitgeber-Gesundheitsmanagement-Awards, so seine Einschätzung, explodiere derzeit. Der wichtigste und älteste Award, der Corporate Health Award, feiere dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen. "Damals hat er wichtige Pilotarbeit geleistet, um das Gesundheitsmanagement in die Köpfe der Personaler und auf die Prioritätenliste der Geschäftsleitungen zu setzen", so Nürnberg. Heute sei dies aber nicht mehr nötig. Die vorhandenen Awards müssten sich weiterentwickeln und neue Aspekte wie etwa psychische Gefährdungen, Online-Angebote zum BGM oder Arbeitgeberbewertungen in den Fokus nehmen.

Was messen Gesundheits-Awards?

Dass man Siegel oder Auszeichnungen kaufen kann, würde sicher jeder Initiator weit von sich weisen. Der Markt ist jedoch unübersichtlich. Manche Testate sind kostenfrei, andere verlangen Lizenzgebühren oder die Kostenübernahme von Audits. Die einen überprüfen an Ort und Stelle die Umsetzung der Gesundheitsmaßnahmen, andere nicht. Wie lange mit der Auszeichnung geworben werden darf, variiert je nach Anbieter. Eine Stichtagsprüfung sagt aber nicht unbedingt etwas über die Nachhaltigkeit der Maßnahmen aus.

Zudem stellt sich die Frage: Was wird eigentlich gemessen? Ein Obstkorb oder ein Snoozle-Raum mögen hip sein und die Stimmung in der Belegschaft fördern, aber ein strukturiertes BGM sieht anders aus. Unter der Vielfalt der möglichen Maßnahmen leidet die Vergleichbarkeit. "Es gibt keine gesetzlichen Standards", moniert Volker Nürnberg. Im Gegensatz zur Individualprävention, wo der Gesetzgeber Qualitätskriterien hinsichtlich des Konzepts, der Trainerqualifikationen oder der Teilnahmequote festgelegt habe, gebe es diese Richtschnur beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) nicht. Und wie sieht es mit Best Practices aus? Von denen könnten gerade kleine und mittlere Unternehmen, die sich den Aufwand einer Prüfung oder Zertifizierung nicht leisten können, doch etwas lernen? Nürnberg: "Es fällt auf, dass bestimmte Unternehmen, meist große, die den anderen weit voraus sind, von Award zu Award durchgereicht werden." Dies helfe Organisationen, die heterogene Beispiele betrachten wollten, nur bedingt.

Unübersichtlicher Markt

Der Bundesverband Betriebliches Gesundheitsmanagement hat sich schon 2014 die Arbeit gemacht, knapp 20 verschiedene BGM-Awards und -Auszeichnungen hinsichtlich ihrer Kriterien zu überprüfen. Manche davon gibt es heute bereits nicht mehr. Zu dem Reigen an bundesweiten Auszeichnungen kommen außerdem noch regionale hinzu. Die IHK Wiesbaden etwa verleiht das Zertifikat "Gesundes Unternehmen", für das Mitgliedsunternehmen je nach Größe zwischen 2000 und 9500 Euro investieren müssen. Die AOK Bayern bietet gemeinsam mit der DQS GmbH eine "neutrale Bewertung und Zertifizierung" ihres BGM an, das Zertifikat heißt ebenfalls "Gesundes Unternehmen". Die Kosten für Bronze- und Silber-Zertifizierungen werden übernommen, die Gold-Zertifizierung muss vom Unternehmen finanziert werden. Gleiches gilt bei der AOK Rheinland-Pfalz/Saarland, die mit dem TÜV Saarland kooperiert.

Des Weiteren existiert seit 2012 die DIN-Spezifikation DIN SPEC 91020, die Anforderungen an ein BGM-System festlegt. Sie geht nach Angaben des DIN über die rechtlichen Verpflichtungen zum Arbeits- und Gesundheitsschutz und Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung hinaus und gibt Organisationen Hilfestellungen. Zweifellos verfügt das Deutsche Institut für Normung über ein hohes Ansehen. Die Spezifikation ist aber keine Norm und für Unternehmen am Markt eine weitere Möglichkeit unter vielen.

Perspektive der Beschäftigten

Vielversprechend klingt der Ansatz, den Psychologen der TU Chemnitz gemeinsam mit der Deutschen Bahn, der Bahn BKK und dem BKK Dachverband entwickelt haben. Zwei Jahre lang konzipierten sie ein Zertifizierungsverfahren für die betriebliche Gesundheitsförderung, das "Deutsche Siegel Unternehmensgesundheit". Das Siegel soll Unternehmen zeigen, wie wirksam ihre BGM-Maßnahmen sind. "Man kann es nicht kaufen", hebt Bahn-BKK-Vorstand Hanka Knoche hervor. Ein Grund für das neue Siegel sei gewesen, sich von anderen Systemen abzugrenzen: "Für uns ist Gesundheit ein ernstes Anliegen und kein Marketing- und kein PR-Thema." Es gehe nicht nur um die Sicht des Unternehmens, erklärt Professor Dr. Bertolt Meyer von der TU Chemnitz. Vor allem die Perspektive der Beschäftigten stehe für die Bewertung im Vordergrund: "In unserer Wahrnehmung zertifizieren viele Siegel und Awards nur die Gesundheitsangebote, die ein Arbeitgeber vermeintlich anbietet. Aber wie gut ist ein Gesundheitsmanagement, wenn der Arbeitgeber zwar die Mitgliedschaft im Fitnessstudio bezuschusst, seine Arbeitnehmer aber gestresst und ausgebrannt und in der Folge häufig krank sind?" Vielmehr müsse sich BGM in den Strukturen und in der Kultur des Unternehmens widerspiegeln und von den Beschäftigten wahrgenommen werden.

Konkret setzt sich die Bewertung aus drei Teilen zusammen: zum einen aus Arbeitgeberfragebögen beziehungs-weise -checks, die mit Nachweisen versehen werden müssen und von einem externen unabhängigen Prüfer überprüft werden. Es folgt eine Beschäftigtenbefragung, die das Team von Bertolt Meyer durchführt. Weder das Unternehmen noch die Prüfer oder die beteiligte BKK haben Zugang zu den Rohdaten. Schließlich meldet das Unternehmen noch objektive Gesundheitskennzahlen etwa zur Fluktuation oder zu Betriebsunfällen. Die TU Chemnitz vergleicht die Daten mit den branchenspezifischen Durchschnittswerten aus den BKK Gesundheitsreporten der letzten Jahre und eine sogenannte Gesundheitslandkarte entsteht. Meyer: "Sie ist ein hoch präziser Ansatzpunkt für potenzielle Entwicklungsmaßnahmen, die das Unternehmen im Rahmen der Besiegelung planen kann und soll."

Der Rollout im November 2017 sei erfolgreich verlaufen, berichtet er. Ein Dutzend Unternehmensstandorte hätten schon mitgemacht oder sich angemeldet. Weitere Unternehmen aus verschiedenen Branchen und Größen befänden sich in der Planung. Grundsätzlich können alle Unternehmen das Verfahren mit Beteiligung einer BKK durchlaufen. Das Siegel hat eine Gültigkeit von drei Jahren, danach ist eine Wiederholungsprüfung notwendig.

"Kein Gut für einen Wettbewerb"

Ob sich das neue Siegel am Markt durchsetzt, werden die kommenden Jahre zeigen. Bisher, so scheint es, kocht aber jeder sein eigenes Süppchen. Volker Nürnberg erhebt einen grundsätzlichen Einwand: Anbieter und Unternehmen sollten erkennen, "dass Gesundheit kein Gut für einen Wettbewerb ist, wenngleich in der Gesundheitsförderung selbst wettbewerbliche und spielerische Elemente wie etwa Schritte-Challenges modern sind". Es gebe zu viele und zu unterschiedliche Auszeichnungen, als dass sich ein Standard hätte durchsetzen können: "Manche Siegel sind zukunftsfähig, andere eher unseriös."

Letztlich dreht sich also vieles um die Frage nach Schein und Sein. Sich über das Nötige hinaus und nachhaltig um die Gesundheit der Beschäftigten und der Organisation zu kümmern, kostet Unternehmen Zeit, Geld und personelle Ressourcen. Dafür werden sie mit zufriedeneren, motivierteren und gesünderen Mitarbeitern belohnt. Die Investitionen zahlen sich im Idealfall durch eine höhere Produktivität aus. Für Marketingzwecke auf dem Bewerbermarkt fallen Auszeichnungen mit schickem Logo oder einer Medaille allerdings schneller auf. Die Verlockung, hier mit vergleichsweise wenig Aufwand Pluspunkte zu sammeln, ist groß. In Zeiten von Arbeitgeber-Bewertungsportalen und steigenden Ansprüchen der Jobsuchenden besteht jedoch ein erhebliches Risiko, dass eine etwaige Diskrepanz zwischen Schein und Sein früher oder später auffliegt.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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