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Hat Vollzeit ausgedient?

Der Potsdamer Arbeitszeitberater Andreas Hoff ist überzeugt, dass es in Zukunft weniger Vollzeitarbeit geben wird - auch unter Führungskräften. Nur so seien die Belastungsspitzen der unterschiedlichen Lebensphasen nachhaltig abzufangen.

Personalwirtschaft: Herr Dr. Hoff, einige Start-ups und Agenturen stellen von der Fünf- auf die Viertagewoche um oder lassen bei vollem Lohnausgleich fünf statt acht Stunden arbeiten. Eine gute Idee?

Andreas Hoff: Ab ein Uhr frei zu haben, klingt toll. Ich habe aber den Verdacht, dass hier bloß Aufmerksamkeit erregt wird. Betriebswirtschaftlich funktioniert das nur durch erhebliche Arbeitsverdichtung. Tatsächlich zeigen Studien, dass die meisten Menschen einen Achtstundentag bevorzugen und am Wochenende frei haben wollen. Ein neuer Goldstandard für moderne Arbeitszeiten werden solche Beispiele gewiss nicht.

Manche Arbeitgeber zeigen sich großzügig beim Urlaub. Auch das scheint einen Nerv zu treffen.

Ein geschickter Schachzug. Tatsächlich führt das dazu, dass Mitarbeiter tendenziell weniger Urlaub nehmen, denn die Arbeit muss ja getan werden. Eine amerikanische Firma hat sogar einmal Prämien dafür ausgelobt, dass Mitarbeiter tatsächlich Urlaub nehmen. Ich persönlich plädiere für Vertrauensurlaub: 30 Tage für alle, aber ohne Kontrolle.

Die moderne Arbeitswelt ist voller Verheißungen: Arbeite doch, wann und wo Du willst, heißt es. Tatsächlich arbeiten viele Menschen weit über das Zumutbare hinaus. Wo ist der Fehler?

Grenzziehungen helfen, produktiv zu sein und gesund zu bleiben. Leider haben das viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch nicht verstanden. Ich bleibe aber optimistisch.

Viele Menschen arbeiten im Schichtbetrieb. Welche Neuerungen sind hier zu beobachten?

Schichtsysteme sind flexibler geworden. Schwankungen bei Arbeitsanfall und Personalverfügbarkeit lassen sich leichter anpassen. So wird der Personaleinsatz wesentlich bedarfsgerechter und damit wirtschaftlicher als früher. Doch das macht den Schichtbetrieb nicht unbedingt attraktiver: Oft mangelt es an Personal, was die Arbeitsbedingungen weiter verschlechtert - ein Teufelskreis.

Gibt es denn keine Chance, die weitgehend starren Schichtarbeitszeiten auch im Sinne der Arbeitnehmer zu flexibilisieren?

Die meisten Schichtsysteme sind immer noch vollzeitbasiert. Würde man sie stärker für die Teilzeitarbeit öffnen und mit Arbeitszeitkonten verknüpfen, würden dabei für den Einzelnen mehr Frei- und weniger Zusatzschichten herausspringen. Oder man ergänzt die langfristige Schichtplanung durch eine rollierende Wochenplanung, in der die Arbeitszeit- und Freizeitwünsche der Arbeitnehmer berücksichtigt werden. So käme man den Wünschen der Mitarbeiter nach mehr Flexibilität entgegen.

Welches Arbeitsmodell ist aktuell auf dem Vormarsch?

Eindeutig das mobile Arbeiten. Die Aufgabe ist, es vernünftig ins jeweilige betriebliche Arbeitszeitsystem zu integrieren. Wichtigste Voraussetzung dafür ist eine vertrauensbasierte Arbeitszeiterfassung.

Fällt die Arbeitszeiterfassung denn nicht unter den Tisch?

Das ist gesetzlich nicht möglich. Ferner belegen Studien, dass Vertrauensarbeitszeit gerade von der jungen Generation teilweise kritisch beurteilt wird. Missbrauchsfälle sprechen sich herum. Deshalb wird erwartet, dass geleistete Arbeitszeit registriert und bei Bedarf auch ausgeglichen wird. Mobile Zeiterfassung ist per App möglich. Aber was ist Arbeitszeit eigentlich? Die bloße Anwesenheit ist es nicht. Auch die Raucher- und die Kaffeepausen zählen immer seltener zur Arbeitszeit.

Aktuell wird viel Stimmung gegen das Arbeitszeitgesetz gemacht. Warum gehen Arbeitgeber auf die Barrikaden?

Gegen das Arbeitszeitgesetz wird massiv verstoßen. Statt die betrieblichen Prozesse an die gesetzlichen Regeln anzupassen, wird gefordert, die Regelungen der Realität anzupassen. Das offenbart einen kurzfristigen Fokus. Man will die Ruhezeit kürzen statt Mitarbeitern die Chance zur Regeneration zu geben. Irgendwann ist das Ende der Fahnenstange erreicht.

Was zeichnet im Gegensatz dazu eine zukunftsorientierte Arbeitszeitpolitik aus?

In jüngeren Jahren befinden sich Mitarbeiter in der Rushhour ihres Lebens. Alles muss gleichzeitig geschehen, Erschöpfungszustände drohen. Deshalb wird sich die Teilzeit im Rahmen von lebensphasenorientierter Arbeitszeit - und zwar als vollzeitnahe Teilzeit - mehr und mehr durchsetzen. Auch für Führungskräfte: Bei SAP etwa wird jede Führungsposition als 75-Prozent-Stelle ausgeschrieben. Zudem kann jeder Mitarbeiter seine Arbeitszeit mit einer Ankündigungsfrist von drei Monaten reduzieren und wieder in Vollzeit zurückkehren.

Dieser Beitrag wurde erstellt von Winfried Gertz.

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