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Benefits: Unbegrenzter Urlaub - kann das funktionieren?

Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Urlaub nehmen zu können, so viel man mag oder benötigt. Nachdem in Amerika bereits vor einigen Jahren Unternehmen wie Netflix oder Virgin diese Zusatzleistung einführten, zogen in der Folge einige deutsche nach. Das Konzept hat in der Praxis aber (mindestens) einen Haken. Es scheint, als ob es eher ein Versprechen als gelebte Realität ist.

Qualität statt Quantität

Die Online-Videothek Netflix war einer der ersten Arbeitgeber, die eine Begrenzung der Urlaubstage abgeschafft hat. Bereits 2012 erklärte Firmenchef Reed Hastings, warum: Die Unternehmenskultur sollte von Freiheit und Verantwortung geprägt sein. Die Motivation und die Disziplin sollten aus der Belegschaft heraus erwachsen, und nicht aufgrund von Vorgaben. "Wir fokussieren uns darauf, was die Mitarbeiter erledigt bekommen, und nicht darauf, wie viele Tage sie arbeiten."

In Deutschland ist unbegrenzter Urlaub noch ein Randthema - aber ein wachsendes. Das zeigt eine Auswertung der Job-Plattform Joblift. Sie analysierte jüngst 14 Millionen Stellenanzeigen aus den vorangegangenen 24 Monaten. Es zeigte sich, dass 132 Arbeitgeber für 335 Stellen mit diesem "Bestandteil ihrer Unternehmenskultur" warben. Die Anzahl solcher Inserate stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 139 Prozent. Der Erfolg gibt den Mutigen recht: Während Positionen mit überdurchschnittlichem Urlaubsanspruch im Schnitt erst nach 44 Tagen besetzt wurden, dauerte es bei Stellen ohne Urlaubslimit nur halb so lange.

Die Arbeitnehmer selbst sind in der Frage gespalten, zeigt der aktuelle Urlaubsreport des Karrierenetzwerks Xing. 51 Prozent der mehr als 1.000 befragten Beschäftigten glaubten, dass die Selbstbestimmung der Urlaubstage funktionieren kann. Fast ebenso viele hatten jedoch große Zweifel daran. Die 18- bis 39-Jährigen zeigten sich mit 60 Prozent sehr viel offener für die Idee als die 40- bis 65-Jährigen, bei denen es lediglich 44 Prozent waren.

Nicht für jedes Unternehmen geeignet

Dass den Arbeitnehmern solch flexible Regelungen zunächst einmal entgegenkommen, liegt auf der Hand, und offensichtlich bringt es auch Arbeitgebern Pluspunkte bei der Suche nach Bewerbern. Das Angebot zahlt zudem auf das Employer Branding ein und bindet die Mitarbeiter an das Unternehmen. Diese wiederum bekommen viel (Eigen-)Verantwortung übertragen, was in der Regel ihre Motivation erhöht.

Das Modell eignet sich aber nicht für jeden Betrieb: Wenn etwa Öffnungszeiten oder Kundensprechstunden abzudecken sind, muss sichergestellt sein, dass genügend Kräfte präsent oder verfügbar sind. Hinzu kommt, dass die Gefahr eines Missbrauchs aufseiten der Arbeitnehmer besteht. Nicht nur in diesem Fall sollten Unternehmen beachten, dass es in guten Zeiten zwar leicht ist, großzügige Mitarbeiter-Benefits zu gewähren, heißt es bei Kienbaum. Problematisch werde es aber, wenn die Geschäfte schlecht laufen, die Mitarbeiter jedoch ihre Ziele übertreffen. Die Boni dann wortlos zu streichen, kann zu einem nachhaltigen Vertrauensschaden führen: "Hier sind gute Kommunikation und Transparenz gefragt!"

Nur bedingt praxistauglich

Ob unbegrenzter Urlaub tatsächlich funktionieren kann? "Theoretisch ja", antwortet Dr. Sascha Armutat, ehemals Forschungsleiter der Deutschen Gesellschaft für Personalführung und mittlerweile Professor an der Fachhochschule Bielefeld, der Jobbörse Monster. Unbegrenzter Urlaub habe mit zielorientiertem Führen zu tun. Viele der Netflix-Mitarbeiter seien allerdings ständig erreichbar, dies scheine der Preis der Zeitautonomie zu sein.

Klaus Werle von der Content Marketing-Agentur C3 spricht gar von einem "faulen Trick". Tatsächlich haben Studien und Erfahrungen aus der Praxis gezeigt, dass viele Arbeitnehmer in der Regel nicht mehr Urlaub nehmen als bisher, selbst wenn er ihnen unbegrenzt zur Verfügung steht. Gründe dafür gibt es einige: Zu viel Arbeit oder das Verantwortungsgefühl gegenüber den Kollegen sind zwei davon. Sei die Zahl der Urlaubstage nicht festgeschrieben, könnte die Scheu, Urlaub zu nehmen, sogar ansteigen. Werle zufolge drohe das "Arbeitsmärtyrer-Syndrom" - Überarbeitung.

Auch der Blick in die Praxis zeigt ein zwiespältiges Bild. "Das System funktioniert zu 100 Prozent", sagte etwa Andreas Nusko, Geschäftsführer der Personalvermittlung Franz und Wach, dem Digitalmagazin t3n.de. Jeder seiner Mitarbeiter solle unternehmerisch denken: "Ich gebe ihnen die Freiheit dazu." Bei einigen hätte diese Freiheit aber auch sozialen Druck ausgelöst, berichtet dagegen Christian Thum von der Agentur eShot auf gruenderszene.de. Das Start-up überlegt nun, zum Jahreswechsel 2018/19 wieder zum klassischen Urlaubsmodell zurückzukehren. Einen Schritt, den die Crowdfunding-Plattform Kickstarter bereits hinter sich hat - die Mitarbeiter hatten mit der Möglichkeit, unbegrenzt Urlaub zu nehmen, weniger anstatt mehr Tage frei genommen. "Offenbar herrschte Verwirrung darüber, wie viele Ferientage angemessen und sinnvoll sind", heißt es dazu bei msn.com.

Fazit: Im Einzelfall eventuell sinnvoll

Das Benefit eines unbegrenzten Urlaubs wird sich aller Voraussicht nach nicht flächendeckend durchsetzen. Zu groß scheinen in den meisten Fällen der organisatorische Aufwand oder unerwünschte Nebenwirkungen, die die neuen Freiheiten mit sich bringen. Darüber hinaus zeigen die Beispiele aus der Praxis, dass das Angebot tatsächlich selten ausgenutzt wird. Für einzelne Unternehmen und möglicherweise nur temporär gewährt, kann die Zusatzleistung aber die Arbeitgebermarke stärken und junge Talente auf das Unternehmen aufmerksam machen. Es sei denn, sie halten es mit dem Schriftsteller George Bernard Shaw, der einst sagte: "Urlaub ohne Unterlass wäre ein gutes Training für den Aufenthalt in der Hölle."

Wer sich als Unternehmenslenker mit dem Gedanken trägt, das Experiment zu wagen, kann von Nathan Christensen CEO des US-amerikanischen Personaldienstleisters Mammoth, lernen. Er führte das Modell zunächst für ein Jahr ein, um es dann mit Modifikationen weiterzuführen. Aus seiner Erfahrung rät er unter anderem dazu, die Regelung in den Firmenwerten zu verankern und den Beschäftigten klarzumachen, was im Gegenzug für die Gewährung von unbegrenztem Urlaub von ihnen erwartet wird.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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