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Mindful Leadership: Warum Achtsamkeit im Business immer wichtiger wird

Das Thema Achtsamkeit hat längst den Dunstkreis der Spiritualität verlassen. Auch Hochschulen beschäftigen sich mittlerweile mit dem Thema. Die Personalwirtschaft hat mit Professor Niko Kohls über das Konzept der Achtsamkeit im Business gesprochen.

Personalwirtschaft: Achtsamkeit braucht Zeit zum Innehalten. Passt das Konzept zum hektischen Rhythmus in Unternehmen, passt es zur Digitalisierung?

Niko Kohls: Ja, sehr gut sogar. In der westlichen Welt herrscht die Tendenz, sehr stark nach außen zu schauen. Relativ wenig erforscht ist der Innenraum des Menschen und seines Bewusstseins. Jetzt kommt durch die Digitalisierung eine technische Beschleunigung ins Spiel, die unseren Wahrnehmungsapparat an die Grenzen bringt. Wenn man Individuen beibringen will, in der digitalen Arbeitswelt zu überleben und mit den Ozeanen an Reizen und Signalen vernünftig umzugehen und dabei kreativ zu sein, dann müssen sie lernen, ihre Innenwelt zu organisieren und zu strukturieren. Das gelingt durch eine Kultivierung des Bewusstseins, also in der Lage zu sein, fokussiert zu denken, Nuancen wahrzunehmen und nicht automatisch Opfer von Emotionen und vorschnellen Urteilen zu werden. Warum ist das sinnvoll? Es hilft uns, Entscheidungsfindungsprozesse besser zu überdenken und zu reflektieren, weil jede Situation nicht als eine wohlbekannte Standardsituation wahrgenommen wird, sondern immer einen Aspekt der Andersartigkeit oder Neuartigkeit hat. Wer achtsam agiert, kann präziser und angemessener in der jeweiligen Situation entscheiden.

Sie haben eine der weltweit größten Studien zum Thema Achtsamkeit im Business abgeschlossen. Mit welchen Ergebnissen?

In der Langzeitbeobachtung der Studie "Working Mind" konnten bestimmte Faktoren abgeleitet werden, die darüber Aussage geben, ob Achtsamkeit in der Organisation angemessen implementiert ist und welche Wirkungen sich zeigen. Es gibt Indikatoren dafür, dass die Mitarbeiter weniger gestresst sind, freundlicher interagieren, schneller und effizienter sind sowie kritischer sich selbst gegenüber und dem Unternehmenskontext. In der Summe profitieren Organisationen, wenn Mitarbeiter weniger gestresst sind. Sie sind kreativer, können strukturiert denken und reflektieren Entscheidungen umfassender. Das hat deutliche Vorteile für Organisationen, die sich im Umfeld von Neuartigkeit, Ungewissheit und Ambiguität befinden. Die Mitarbeiter können besser damit besser umgehen.

Der Weg zur Achtsamkeit führt über Meditation? Über still sitzen und atmen?

Nicht notwendigerweise, Sie können alles auf der Welt achtsam machen - vom Autofahren bis zum E-Mailen. Doch um die eigene Mitte zu finden, unterstützen bestimmte Bewusstseinsübungen dabei, sich innerlich zu zentrieren. Und das ist ein zentrales Moment der Achtsamkeit, ohne das es nicht geht. Man kann sich Achtsamkeit nicht anlesen, man muss sie selber ausüben und regelmäßig praktizieren.

Ist Achtsamkeit nicht nur eine vorübergehende Psychomode?

Sicherlich wird der Begriff derzeit überstrapaziert. Doch es ist absolut erforderlich, angesichts der Probleme, vor der die Menschheit steht, ein Gegengewicht in der Innenwelt zu schaffen. Mit achtsamer Wahrnehmungs- und Bewusstseinsschulung bekommt jeder Einzelne einen gangbaren Weg aufgezeigt. Menschen werden üblicherweise nur Bewusstseinsinhalte vermittelt, aber was ihnen nicht vermittelt wird, ist die Art und Weise, wie das Bewusstsein selber funktioniert, also die emotionale und kognitive Selbstregulationsfähigkeit des Bewusstseins, das Wissen um Aufmerksamkeitsspannen und damit zusammenhängende Themen.

Welche Faktoren sind entscheidend, damit Achtsamkeit im Business zum Erfolg führt?

Es gibt drei grundsätzliche Faktoren: Zum einen muss die Bereitschaft der Unternehmensleitung bestehen, den Mitarbeitern Vertrauen entgegenzubringen, sowie die Offenheit, bestimmte Prozesse ehrlich und authentisch reflektieren und bearbeiten zu wollen. Das Zweite ist: Oberstes Management und Führungskräfte sollten nicht nur ein Lippenbekenntnis zur Achtsamkeit abgeben, sondern auch bereit sein, Achtsamkeit selbst zu praktizieren und an den Übungen teilzunehmen. Ein dritter Faktor: Achtsamkeit braucht im Unternehmen einen Raum - in zweierlei Bedeutung: Es sollten Zeiträume für Achtsamkeitsübungen in der Arbeitszeit gewährt werden, aber es braucht auch einen Raum im physikalischen Sinn. Achtsamkeitsübungen in Abstellräumen zu praktizieren, wie es uns schon angeboten wurde, zeigt leider die Essenz der Werte in der Organisation.

Agilität und Achtsamkeit: Ist das nicht ein Widerspruch?

Im Gegenteil! Agilität heißt für mich, in einer dezentralen Art und Weise angemessen, reflektiert und dynamisch auf sich schnell verändernde Umgebungsparameter zu reagieren. Das setzt voraus, die relevanten Parameter wie Marktentwicklung, Mitarbeiter und andere Faktoren sehr gut zu beobachten, seine Schlüsse daraus zu ziehen, ohne sich von vorschnellen Schlussfolgerungen oder Emotionen allein beeinflussen zu lassen.

Achtsamkeit ist ein gutes Werkzeug, Agilität im Unternehmen zu befördern. Warum?

Weil Agilität eben voraussetzt, dass es keine Kochbuchrezepte mehr gibt, sondern dass Menschen aus sich heraus Fähigkeiten und Kompetenzen entwickeln, auf unvorhergesehene und neue Rahmenbedingungen angemessen zu reagieren. Und das kann durch Achtsamkeit vermittelt werden, weil es - funktionell gesprochen - nichts anderes als Empowerment ist. Und das brauchen agile Organisationen: Sie müssen die Mitarbeiter empowern, ihnen Bordmittel an die Hand geben, um selber entscheiden und schnell reagieren zu können und sie müssen das Vertrauen in die Beschäftigten mitbringen - das macht eine achtsame Organisation aus.

Zur Person:

Niko Kohls, Professor für Gesundheitswissenschaften im Bereich Gesundheitsförderung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Coburg, hat in den letzten drei Jahren eine der weltweit größten Studien zum Thema Achtsamkeit in der Arbeitswelt wissenschaftlich begleitet.

Dieser Beitrag wurde erstellt von Christiane Siemann.

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