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Die ungenutzten Chancen der Mitarbeiterbeteiligung

Obwohl die Mitarbeiterbeteiligung zahlreiche Vorteile für Unternehmen und ihre Angestellten bringt, wird sie von vielen Firmen vernachlässigt. Zu einem großen Teil liegt das an der Unwissenheit in den Unternehmen.

Das Niedrigzinsumfeld macht die Beteiligungen für die Mitarbeiter derzeit besonders attraktiv und steigert gleichzeitig ihre gesellschaftliche Bedeutung. So investiert nur etwa jeder siebte Deutsche laut dem Deutschen Aktieninstitut in Aktien. Damit sind die meisten Deutschen nicht nur vom wirtschaftlichen Erfolg der Unternehmen abgekoppelt, sondern verzichten auch auf eine ertragreiche Form der Vermögensbildung und Altersvorsorge. Mit Mitarbeiterbeteiligungsprogrammen wirken Firmen diesem Trend entgegen. An der Realisierung der Vorteile für sich und ihre Mitarbeiter werden die Unternehmen von einer Reihe von Gegenargumenten gehindert, die sich jedoch schnell entkräften lassen.

Ist der Aufwand zu hoch?

In Gesprächen mit Unternehmensvertretern ebenso wie bei der Auswertung von Studien zum Thema Mitarbeiterbeteiligung zeigt sich: Die Verantwortlichen schrecken vor allem vor der Komplexität der Implementierung einer Kapitalbeteiligung zurück. Dabei handelt es sich jedoch um das erste folgenschwere Missverständnis. Denn werden ein paar einfache Grundsätze beachtet, ist die Beteiligung der Mitarbeiter am Aktienkapital kein Hexenwerk. Eine strukturierte Vorgehensweise und die Orientierung an Best-Practice-Beispielen helfen, den Aufwand möglichst gering zu halten. Auf diese Weise kann ein Mitarbeiteraktienprogramm für Deutschland innerhalb von drei bis sechs Monaten umgesetzt werden. Zahlreiche Praxisbeispiele zeigen, dass eine erfolgreiche Beteiligung auch in kleineren Unternehmen kostengünstig möglich ist.

Ein Praxisleitfaden von EY und dem Deutschen Aktieninstitut, der ausführlich über Implementierung von Mitarbeiteraktienprogrammen informiert, findet sich hier oder unter oder www.dai.de.

Ist die staatliche Förderung zu niedrig?

Häufig wird bemängelt, dass die staatliche Förderung der Mitarbeiterbeteiligung in Deutschland zu wünschen übrig lässt. So forderten im Herbst 2017 die Geschäftsführer und Finanzvorstände von insgesamt 60 Unternehmen, Verbänden sowie Unternehmensberatungen in ihrem "Berliner Appell zu mehr Vermögensbildung in Mitarbeiterhand": Der jährliche Steuerfreibetrag für die Mitarbeiterkapitalbeteiligung soll von derzeit 360 Euro jährlich auf ein international übliches Niveau von mindestens 3000 Euro angehoben werden. In NRW gibt es aktuell einen Vorstoß der Landesregierung, den steuerlichen Freibetrag für Mitarbeiterbeteiligungen in Start-ups sogar auf 5000 Euro anzuheben. Laut den Initiatoren macht das junge Firmen, die keine hohen Gehälter zahlen können, als Arbeitgeber attraktiver und steigert die Motivation der Belegschaft.

Diese Forderungen aus Wirtschaft und Politik sind richtig und wichtig. Dennoch sollten Unternehmen nicht auf eine Anhebung des Steuerfreibetrages warten und die bestehende Förderung auf jeden Fall nutzen. Um sie in Anspruch nehmen zu können, müssen die Mitarbeiteraktien der gesamten Belegschaft angeboten werden.

Unerwünschte Mitbestimmung?

Einige Unternehmen fürchten die Mitbestimmungsrechte, die ihre Mitarbeiter durch die Kapitalbeteiligung erhalten. Für die im Mittelstand üblichen stillen Beteiligungen und Genussrechte ist dieses Thema bei entsprechender Ausgestaltung jedoch überhaupt nicht relevant. Bei der Beteiligung über Aktien haben die Mitarbeiter ein Stimmrecht in der Hauptversammlung. Dieses sollte allerdings nicht als Nachteil betrachtet werden - im Gegenteil: Mitarbeiteraktionäre, die sich einen sicheren Arbeitsplatz wünschen, sind in der Regel sehr am Wohl des Unternehmens interessiert.

Aktuell allerdings ist die Beteiligung der Mitarbeiter am Aktienkapital mit meist nicht mehr als einem Prozent sehr gering. Als gewichtiger Ankeraktionär müssten die Mitarbeiter einen weitaus größeren Anteil auf sich vereinen. Aber auch dafür gibt es Beispiele. So vertritt die Voestalpine Mitarbeiterbeteiligung Privatstiftung insgesamt 14 Prozent der Stimmrechte der österreichischen Voestalpine AG. Mittels internationaler Stimmrechtsbündelung sind die Mitarbeiter als zweitgrößter Aktionär zum stabilen Kernaktionär geworden. Diese Vorgehensweise erschwert unter anderem eine mögliche feindliche Übernahme, da die Stiftung mit ihrem über zehnprozentigen Stimmrechtsanteil ein sogenanntes Squeeze-out (den zwangsweisen Ausschluss von Minderheitsaktionären) verhindern kann.

Mangelndes Interesse der Mitarbeiter?

Mitarbeiter verfügen häufig nur über ein rudimentäres Wissen über Aktien und den Kapitalmarkt und sind aus diesem Grund in der Tat oftmals zurückhaltend. Ausgeräumt werden können ihre Vorbehalte jedoch durch Kommunikationsmaßnahmen, mit denen das Unternehmen die Programme einfach und verständlich an konkreten Rechenbeispielen erklärt. Je nach Alter der Mitarbeiter eignen sich dafür Broschüren, Webcasts, Videos oder Foren, aber auch die direkte Ansprache vor Ort mit Roadshows.

Zu den wesentlichen Kriterien für die Akzeptanz zählen zudem der den Angestellten gebotene Rabatt sowie die Gewährung sogenannter Matching Shares - Gratisaktien, die die Mitarbeiter beim Erwerb von Aktien zusätzlich erhalten. Discounts bewegen sich häufig zwischen 20 und 40 Prozent. Sofern Matching-Aktien angeboten werden, ist das Verhältnis "eine für drei" nach drei Jahren Haltefrist eine marktgängige Größe. Dass derart attraktiv konzipierte Mitarbeiteraktienprogramme gut angenommen werden, zeigen Vorreiterfirmen wie Siemens und SAP. So nehmen an dem Programm "Own SAP" rund 70 Prozent der anspruchsberechtigten Mitarbeiter teil, bei Siemens halten weltweit 80 Prozent der Mitarbeiter Aktien ihres Arbeitgebers. Aber auch Unternehmen aus anderen Börsensegmenten als dem Dax sowie nicht börsennotierte Unternehmen aus dem Mittelstand können ihre Mitarbeiter gewinnbringend beteiligen.

Spricht das Klumpenrisiko dagegen?

Mit dem sogenannten Klumpenrisiko ist gemeint: Gerät das Unternehmen in eine finanzielle Krise, droht dem Mitarbeiter zusätzlich zum Verlust des Arbeitsplatzes die Wertminderung seiner Aktien. Das ist auch laut Harvard-Ökonom Douglas Kruse ein ernst zu nehmender Einwand. Allerdings - so erklärt er nach der Auswertung von mehr als 100 Studien zum Thema - werde dieser gesellschaftlich betrachtet durch die aus den Mitarbeiterbeteiligungen resultierenden höheren Einkommen und die gestiegene Arbeitsplatzsicherheit minimiert.

Für den einzelnen Mitarbeiter gilt: Er investiert in ein Unternehmen, das er sehr gut kennt und dessen Entwicklung er einschätzen kann - viel besser als bei anderen Firmen, die er lediglich von außen betrachten kann. Nicht zuletzt zeigen Praxisbeispiele, dass die Mitarbeiter im Vergleich zu Sparkonten deutlich von einer Beteiligung profitieren. Beim Motorsägenhersteller Stihl erhalten die Mitarbeiter seit 1994 jährlich eine Verzinsung von zehn Prozent und mehr, lediglich einmal mussten sie einen Verlust hinnehmen. Die Beteiligung wird über Genussrechte gewährt. Die Beteiligungsquote liegt bei 75 Prozent.

Dieser Beitrag wurde erstellt von Gordon Rösch, Partner und Vergütungsexperte, EY.

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