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Seniorexperten: So gelingt Mitarbeiterbindung über das Rentenalter hinaus

Immer häufiger kommen Unternehmen nicht mehr ohne erfahrene Mitarbeiter aus, die über das Rentenalter hinaus bleiben und ihr Wissen weitergeben. Jetzt gibt es sogar Online-Portale, auf denen sich Seniorexperten anbieten.

Ohne den Zahnriemen funktioniert kein Motor. Der Riemen, der auf kleine Rollen im Motor gespannt wird, setzt einen Prozess in Gang, an dessen Ende Kraftstoff in den Zylinder strömt. Das Auto fährt. Wer den Riemen falsch einbaut, verursacht einen Motorschaden, der Tausende Euro kostet. Und genau das passierte Monteuren in Werkstätten weltweit jahrelang mit Zahnriemen und Zubehör von Bosch. Teure unnötige Ausgaben für den Konzern, der die Motoren jedes Mal auf Garantie reparieren musste.

Bis ein Mitarbeiter zum Telefon griff und Walter Kulpe anrief. Er suche jemanden, der sich hinsetze, um sich die Garantiemeldungen einmal anzuschauen. Der 70-jährige Kulpe nahm sich des Projekts an und erkannte das Problem schnell: Die allgemeine Anleitung zur Montage war nicht detailliert genug. Er stellte eine neue Checkliste mit Hinweisen und Tipps zusammen - und innerhalb eines Jahres halbierten sich die Garantiemeldungen.

Wertvolles Wissen sichern

Kulpe ist eigentlich viel zu alt, um noch bei Bosch zu arbeiten. Aber auch 39 Jahre nach seinem ersten Arbeitstag bei Bosch grübelt er im Homeoffice über Projekten, denn er steht dem Konzern als Seniorenexperte zur Verfügung - als einer von 1600 im Pool der Registrierten.

Das Technologieunternehmen meldet jährlich Tausende Patente an. Um zu verhindern, dass Wissen in den Ruhestand verschwindet, gründete Bosch 1999 eine Tochtergesellschaft, die Rentner für zeitlich befristete Projekte zurück in den Konzern vermittelt. Dort können Fachbereiche im Konzern Unterstützung von ehemaligen Mitarbeitern beantragen. Die Seniorenexperten haben im Gegensatz zu voll eingebundenen Mitarbeitern genügend Zeit, um grundsätzliche Abläufe und Prozesse zu analysieren und zu hinterfragen. Oft beraten sie auch jüngere Mitarbeiter oder Teams. Sie geben Schulungen, halten Vorträge oder sind Mentoren für jüngere Kollegen.

Zu umtriebig für die Rente

Das Leben bei Bosch begann für den gebürtigen Pfälzer und studierten Maschinenbauer 1979. Damals war Helmut Schmidt Bundeskanzler, die USA erkannten erstmals die Volksrepublik China offiziell als Staat an. Eigentlich war Kulpe erleichtert, als er sich mit 63 Jahren in die Rente verabschieden konnte. Der Hobbypilot und seine Frau flogen zum Beispiel mit ihrem Flugzeug durch die Gegend. Aber schon nach zweieinhalb Jahren hatte er alles, was er sich für die Zeit nach der Arbeit vorgenommen hatte, so sagt er, "abgearbeitet".

Als Technikfan Kulpe ein paar Monate später die Fachmesse "Automechanica" besuchte, traf er am Bosch-Stand einen seiner ehemaligen Kollegen. Der erzählte, dass er trotz seines Alters weiterarbeitete. Dann ermutigte er Kulpe, das doch auch zu probieren. "Schon sechs Wochen, nachdem ich mich bei Bosch gemeldet hatte, bekam ich mein erstes Projekt", erzählt er. "Ich konnte in meiner alten Abteilung wieder anfangen, weil dort eine Stelle übergangsweise frei war. Für mich war es eigentlich, als würde ich aus einem langen Urlaub zurückkehren." Dann fragten ihn auch noch andere Mitarbeiter nach seiner Hilfe. Im Moment etwa arbeitet Kulpe an seinem dritten Projekt: Er überlegt, wie man die mechanische Motorsteuerung optimieren könnte. Dafür bekommt er ein Beratergehalt, das sich an seinem bisherigen Verdienst orientiert. Seine Arbeitszeit ist auf 80 Tage im Jahr begrenzt, der 70-Jährige arbeitet maximal ein paar Stunden pro Tag. So bleibt ihm genug Freizeit für Hobbys und Enkelkinder.

Vermittlungsagenturen haben den Markt erkannt

Obwohl in Deutschland viele Unternehmen Mitarbeiter im Alter weiter beschäftigen, haben nur wenige spezielle Strukturen dafür geschaffen. Ein weiteres Beispiel neben Bosch ist Daimler. Der Konzern startete die Initiative im Jahr 2013. Für Spezialaufträge stehen seitdem 600 registrierte Rentner temporär zur Verfügung.

Aber auch ohne die Bemühungen des ehemaligen Arbeitgebers wissen viele Senioren, dass ihre Erfahrung Gold wert ist. In den letzten Jahren ist für ihr Spezialwissen ein Markt entstanden. Hoch Qualifizierte und alle, die sich dafür halten, bieten sich auf Online-Portalen als Berater an. Auf dem "Portal Erfahrung Deutschland" sind beispielsweise 7500 von ihnen registriert. Daneben gibt es auch Vermittlungsagenturen, zum Beispiel für Spezialisten für Lieferanten der Automobilindustrie, Maschinen- oder Anlagenbauer.

Sich externe Berater einzukaufen, macht aber meist nur Sinn, wenn das Unternehmen neue Geschäftsfelder erschließen will und dafür kundige Leute braucht. "Meistens ist es wirtschaftlicher, auf Experten mit unternehmensinternem Wissen zu setzen", sagt Leena Pundt, Wirtschaftspsychologin und Professorin für Human Resources an der Hochschule Bremen. "Personaler sollten versuchen, interne Experten über das Rentenalter hinaus zu beschäftigen, denn viele sind auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft, wenn sie das Unternehmen eigentlich verlassen sollen."

Pundt beschäftigte sich schon in ihrer Promotion damit, was ältere Menschen dazu motiviert, im Alter weiter zu arbeiten. Ein Ergebnis ihrer Forschung ist: Generativität spielt eine große Rolle - die Freude daran, das eigene Wissen weiterzugeben und sich um zukünftige Generationen zu kümmern. Daneben seien respektvolle Führung, ein ergonomischer Arbeitsplatz und planbare Arbeitszeiten Voraussetzungen, um Senioren erfolgreich in der Firma zu halten.

Walter Kulpe hat seinen Vertrag gerade um ein weiteres Jahr verlängert. "Mir macht die Arbeit Spaß, ich fühle mich viel zu fit, um jetzt damit aufzuhören", sagt er. Er sei hundertprozentig eingebunden, ob durch den E-Mail-Verteiler oder die Mitarbeiterzeitung. Der 70-Jährige kann jedes Projekt annehmen, auf das er Lust hat. "Es macht einfach Spaß, mit den anderen über meine Vorschläge zu diskutieren und die Ansichten der jungen Menschen zu erfahren."

Das Gefühl, gebraucht zu werden

Im Fall von Mustapha Jebabli hat auch Geld eine Rolle gespielt. Der Deutsch-Tunesier ist Zerspanungstechniker und arbeitet bei der Samson AG in Frankfurt. Die Firma stellt unter anderem klassische Ventile und intelligente Messregler her. Der heute 68-jährige Jebabli verlängerte seinen Vertrag bei der Firma immer wieder. Auch, um seinen drei Söhnen ein Studium ohne Nebenjob zu ermöglichen. "Wenn man jung ist, will man ja auch Freizeit haben", sagt er. Sein jüngster Sohn, studierter Maschinenbauer, hat gerade seine Masterarbeit bei Samson geschrieben.

Jebabli ist heute stellvertretender Vorsitzender des Betriebsrats. Damit ist er für die Mitarbeiter da, wenn es Probleme gibt, zum Beispiel bei Kündigungen oder Einstellungen. Der Job sei stressig, sagt er, aber es mache ihm Spaß, für die Menschen zu arbeiten. Er meint, die Auszubildenden brauchten Leute mit Erfahrung, von denen sie lernen könnten.

Großes Verantwortungsgefühl

Der Fachkräftemangel hat auch der Firma Samson in der Vergangenheit zu schaffen gemacht. Deshalb bildet die Firma nun selbst Mechaniker aus. Asa Lautenberg, Personalerin bei Samson, kann sich vorstellen, auch Senioren wieder zu mobilisieren: "Eine zusätzliche Betreuung durch Senioren könnte unsere Ausbildung perfekt ergänzen". Sie denke an von Rentnern geführte Lehrwerkstätten oder an Generationentandems, bei denen einem Lehrling ein erfahrener Mentor zugeordnet wird.

Mustapha Jebabli sagt, er fühle sich für die 170 Azubis verantwortlich. "Ich gehe morgens in die Maschinenhalle runter und laufe meine Runde, rede mit den jungen Leuten und versuche, ihnen ein Gefühl für die Mechanik zu vermitteln." Selbst bei einer einfach wirkenden Aufgabe wie dem Fräsen müsse man grundlegende Mechanik begreifen, angefangen beim Satz des Pythagoras, sagt er. Außerdem hilft der 68-Jährige den arabischen Leiharbeitern regelmäßig mit Übersetzungen. Er sagt: "Ich werde gebraucht."

Dieser Beitrag wurde erstellt von Lara Gohr.

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