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Macht Digitalisierung wirklich produktiver?

Die Digitalisierung spült viel Althergebrachtes hinweg. In der Wirtschaft erhofft man sich durch sie mehr Effizienz und eine höhere Produktivität, in der Industrie ist gar von einer vierten Revolution die Rede. Allein, ein signifikanter Produktivitätszuwachs lässt sich bisher kaum nachweisen. Während manche sagen, dass dieser mehr Zeit brauche, zweifeln andere daran, dass er überhaupt möglich ist.

Solow-Paradoxon schlägt wieder zu

Der US-amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Robert M. Solow formulierte 1987 ein Paradoxon, das seither seinen Namen trägt. Damals, als erstmals Computer flächendeckend Einzug in die Unternehmen fanden, wunderte er sich: "Man kann das Computerzeitalter überall sehen - nur nicht in den Produktivitätsstatistiken." Einschränkend muss dazu gesagt werden, dass Rechner heute nicht mehr mit denen aus jener Zeit verglichen werden können. Noch wichtiger aber ist, dass sich das Produktivitätswachstum in den USA doch beschleunigte, wie das Handelsblatt berichtet - aber erst rund zehn Jahre später.

Die Geschichte scheint sich derzeit zu wiederholen. Digitale Transformation, Industrie 4.0, Vernetzung - alle diese Entwicklungen tragen das Versprechen im Gepäck, mehr Arbeit in weniger Zeit erledigen zu können. Mehr noch, lästige oder anstrengende Routineaufgaben sollen von Robotern übernommen werden, damit sich die Menschen auf qualifiziertere Arbeiten konzentrieren können.

Entwicklung braucht Zeit

Bereits 2016 wies das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln darauf hin, dass die Arbeitswelt zwar digitaler, schneller und effizienter werde - die Produktivität in vielen Industrieländern aber statistisch gesehen trotzdem langsamer wachse. So zieht sich das durch viele Studien bis heute fort. "Die Wirtschaft wächst, doch die Produktivität der Deutschen lahmt", titelte der Spiegel 2018. Und die Beratung Capgemini veröffentlichte schließlich Ende Oktober 2018 die Ergebnisse einer weltweiten Umfrage, nach der 58 Prozent der befragten Unternehmen konstatierten, dass die Automatisierung die Produktivität bisher nicht in dem Maß gesteigert hat, wie sie es erwartet haben.

Nun liegt es nahe, zu vermuten, dass sich die Produktivitätsgewinne auch dieses Mal wieder erst mit Zeitverzögerung einstellen. Tatsächlich ist das nicht abwegig. So nennt beispielsweise eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) in Bezug auf den deutschen Maschinenbau den temporären Effekt als einen Grund für den Status quo: Die neuen Geschäftsmodelle seien erst in der Entstehung und bräuchten noch Zeit, um ihre volle Wirkung entfalten zu können.

Tücken der Statistik

Ein Selbstläufer ist das jedoch nicht, und nach bisherigem Wissensstand auch nur eine von mehreren Erklärungen. Eine weitere hebt Autor Ulf J. Froitzheim im Wirtschaftsmagazin Brand Eins hervor: "Nach der reinen ökonomischen Lehre erfüllen Daten, Informationen und Wissen nicht die Kriterien für Produktionsfaktoren." Genau darauf beruhen jedoch ein Großteil der Digitalisierung und auch die Fortschritte in Bereichen wie HR oder in Dienstleistungsbranchen. Darüber hinaus komme das statistische Modell klassischer Ökonomen an ihre Grenzen. Um die Produktivität zu messen, setzten sie Kapital und Arbeit als Input zum Bruttoinlandsprodukt als Output ins Verhältnis. Das funktioniere bei der Verbesserung bestehender Verfahren und Techniken, weniger aber bei vollkommen neuen Entwicklungen.

Die Berater von Capgemini ziehen aus ihrer Befragung einen weiteren Schluss: Die Digitalisierung bringt wenig, wenn die Menschen nicht mit ihr umgehen können. Automatisierungen brächten nur Vorteile, wenn sie mit einer Befähigung der Menschen einhergehe, so Claudia Crummenerl: "Zu viele große Unternehmen hinken bei der Entwicklung von Qualifizierungsprogrammen hinterher und können dadurch die mögliche Produktivitätssteigerung nicht vollständig abrufen."

Neben den beiden Thesen, dass die Produktivitätssteigerungen mit Zeitverzögerungen kommen oder schon da sind, aber nicht richtig gemessen werden, gibt es noch eine dritte gängige Annahme. Sie beruft sich vor allem auf den US-Ökonomen Robert Gordon. Er hält die aktuellen Neuerungen schlicht für sehr viel weniger bedeutend als beispielsweise die Erfindung der Dampfmaschine, die für einen tiefgreifenden Produktivitätssprung gesorgt hat. Der letzte große Schub kam durch die Einführung von Computern, doch ist das bereits wieder Jahrzehnte her. Insgesamt sind die Innovationen der Digitalisierung seiner Meinung nach einfach nicht so bahnbrechend wie frühere industrielle Revolutionen.

Fazit: Produktivitätsgewinne ja, aber in Maßen

Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Wer schon einmal die Vorzüge gut programmierter Unternehmenssoftware kennengelernt oder Cobots bei der Arbeit in Maschinenhallen gesehen hat, wird am Fortschritt und auch an Produktivitätsgewinnen durch die Digitalisierung kaum zweifeln. Um aus Innovationen Kapital zu schlagen, waren und sind aber erst einmal Investitionen nötig. Ob und wie stark sie sich auszahlen werden, hängt auch davon ab, wie Unternehmen mit der digitalen Transformation umgehen - und wie sie ihre Beschäftigten dabei mit einbeziehen, etwa durch Weiterbildung oder agile Managementmethoden. So oder so kann es jedoch nicht schaden, die Erwartungen im Zaum zu halten: Digitale Technologien an sich können keine Wunder vollbringen. Sie sollten dort eingesetzt werden, wo sie nach eingehender Prüfung einen wirklichen Mehrwert für das eigene Unternehmen versprechen.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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