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404 statt 4.0: Digitalstrategie not found

Die Bundesregierung investiert in künstliche Intelligenz. Bloß viel zu wenig. Wenn wir spitze bleiben wollen, müssen wir jetzt den Wandel voranbringen - und HR.

Drei Milliarden Euro sind eine Menge Geld. Dafür bekommt man zum Beispiel 30 Ronaldos. Oder einmal die "Strategie künstliche Intelligenz" der GroKo. Denn das ist die Summe, die die Bundesregierung in den nächsten Jahren in eine der Schlüsseltechnologien der Zukunft stecken will, wie sie Mitte November bekannt gab, nachdem sie sich zwei Tage im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam eingeschlossen hatte. Bis 2025 soll "KI made in Germany" zu einem internationalen Markenzeichen werden, Deutschland "zum weltweit führenden Standort für künstliche Intelligenz".

Wer bislang nach einer Digitalstrategie der Bundesregierung suchte (oder der drei vorigen Kabinette Merkel), erhielt die Fehlermeldung 404 - not found. Aber nun also volle Finanzkraft voraus! Drei Milliarden Euro, verteilt auf sieben Jahre. Zum Vergleich: Apple hat in diesem Jahr fast dieselbe Summe in die Entwicklung neuer Produkte investiert - allein im zweiten Quartal. China nimmt für seine KI-Bestrebungen in den nächsten beiden Jahren rund 70 Milliarden Dollar in die Hand, schätzt das US-Militär. Digitalisierungsprojekte in Deutschland, das heißt: Während die großen Jungs mit Drohnen, Panzern und Flugzeugträgern anrücken, reiten wir auf blinden, dreibeinigen Ponys in die Schlacht. (Die martialische Metapher sei erlaubt - schließlich geht es hier auch um Wirtschafts- und Cyberkriege.)

Das Traurige am zaghaften Digitalisierungswillen der Politik: Deutschland bringt eigentlich gute Voraussetzungen im Wettkampf um die digitale Wertschöpfung der Zukunft mit. Die hiesige KI-Forschung ist spitze. Und in Sachen Industrie 4.0 sind etliche deutsche Unternehmen führend. Aber vielerorts herrscht in Politik und Wirtschaft dasselbe Problem vor: Statt in Zukunftstechnologien zu investieren, wird Besitzstandswahrung und Festhalten am Alten betrieben. Man entwickelt lieber Diesel-Schummelsoftware statt Konzepte für E-Mobilität. Und wo es schon an Investitionen in Innovationen fehlt, mangelt es erst recht an Ressourcen für die Basis von Ideen: kluge, kreative Köpfe.

Aktuell fehlen hierzulande 40000 Pädagogen, rechnet der Deutsche Lehrerverband vor. Ein dramatischer Befund für ein Land, dessen Wohlstand nicht auf Rohstoffen basiert, sondern auf Bildung und Know-how. Und auf Wirtschaftsseite? Viele Unternehmen sind bemüht, ihre Mitarbeiter fit für den digitalen Wandel zu machen, wie ein Blick in die Zahlen zeigt (siehe rechts). Doch die Beschäftigten fühlen sich alles andere als gut gerüstet und informiert. Das gilt generell für die Transformation, doch ebenso auf konkreter Ebene, etwa für die Implementierung neuer Softwareprogramme. Noch immer wenden Unternehmen zu wenig Aufmerksamkeit und Budget für die mitarbeiterseitige Umsetzung auf. Hinzu kommt, dass die meisten Systeme organisationszentriert, nicht mitarbeiterzentriert designt sind. Aber das wird sich ändern, Employee Experience, Simplifizierung und Consumeration werden immer wichtiger.

Ist allen Beteiligten bewusst, worum es gerade geht? "Wenn Sie mit HR-Leuten über digitale Transformation sprechen, erhalten Sie oft die Antwort: ,Wir brauchen eine App.' Brauchen wir wirklich eine App? Wir müssen in größeren Dimensionen denken!" Gesagt hat das Agnes Jongkind, Global Vice President of HR, Deutsche Telekom, auf der Kongressmesse "Unleash" im Oktober in Amsterdam (siehe Seite 66 hier im Heft). Dort zeigte sich deutlich, dass die Themen KI und People Analytics jetzt in die Unternehmen einziehen.

Auf einer anderen Veranstaltung, die wir besucht haben, der "Digital 2018" im November in Köln, sprach Jongkinds oberster Chef, Telekom-CEO Timotheus Höttges. Als Gastgeber des Events warb er zum einen für politischen Realitätssinn beim Ausbau der digitalen Infrastruktur Deutschlands (Stichwort "5G-Netz"). Zum anderen malte er ein düsteres Szenario für Europas Zukunft: "Wenn wir nicht aufpassen, werden wir zur Cloud-Kolonie von China und den USA." Das heißt, wir liefern das Öl des 21. Jahrhunderts - Daten -, aber die Raffinerien, die Wertschöpfung also, betreiben andere.

Darum, an die Adresse der Politik wie der Unternehmenslenker: Größer denken - und größer investieren. In die Infrastruktur, ins Recruiting von Data Scientists, in HR-Systeme und in die Qualifizierung der Beschäftigten. Jetzt ist die Zeit, Geld in die Hand zu nehmen. Sonst heißt es in ein paar Jahren auf die Frage nach Deutschlands digitaler Wettbewerbsfähigkeit womöglich: 410 - gone.

Dieser Beitrag wurde erstellt von Christoph Bertram.

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