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Mitarbeiterbindung: Was bringen Bleibegespräche?

Reisende soll man nicht aufhalten, sagt der Volksmund. In Zeiten, in denen qualifizierte Kräfte auf dem Arbeitsmarkt rar sind, können es sich Unternehmen aber kaum mehr erlauben, nach dieser Maxime zu verfahren. In Bleibegesprächen sollen Möglichkeiten ausgelotet werden, ob und wie eine Trennung noch zu verhindern ist. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht, einige Stolperfallen dagegen schon.

Bleibegespräche können Schwächen offenlegen

Eine neue Herausforderung, mehr Geld oder eine große Unzufriedenheit mit dem jetzigen Arbeitgeber - Gründe, den Job zu wechseln, kann es viele geben. Und die Chancen für Arbeitnehmer stehen bei der derzeitigen Situation auf dem Arbeitsmarkt so gut wie selten zuvor, schnell eine neue Stelle zu finden, wenn sie nicht sogar bereits Angebote auf dem Tisch liegen haben. Ob ihre Erwartungen von einem neuen Arbeitgeber dann erfüllt werden, steht auf einem anderen Blatt.

Zumindest bei Leistungsträgern, Spezialisten und Fachkräften, die nicht ohne Weiteres zu ersetzen sind, kann es sich für Unternehmen lohnen, um den Verbleib der Wechselwilligen zu kämpfen. Dazu eignen sich Bleibegespräche - bei bereits vorliegender Kündigung und mehr noch, wenn die Wechselabsichten bis zum Vorgesetzten durchgedrungen sind, aber noch keine Fakten geschaffen wurden. Profitieren kann der Arbeitgeber meistens: Im günstigsten Fall werden die Differenzen überbrückt und der Mitarbeiter gebunden. Steht seine Entscheidung unverrückbar fest, kann aus dem Bleibe- ein Exit-Gespräch werden. Die Gründe, die für seinen Weggang ausschlaggebend waren, können analysiert werden und dabei helfen, etwaige Fehler bei anderen Beschäftigten zu vermeiden.

"Das Bleibegespräch ist eine riesige Chance für die Führungskraft, weil sie eine offene und direkte Rückmeldung von einem Mitarbeiter bekommt, denn bei einem solchen Gespräch gibt es gute Voraussetzungen für schonungslose Ehrlichkeit", sagt Alexander Walz, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Conciliat. Oftmals habe der Mitarbeiter innerlich schon mit der Arbeit abgeschlossen. Entsprechend hat er auch keine Bedenken, die Gründe für seinen Abgang schonungslos auf den Tisch zu legen.

Kein Halten um jeden Preis

Experten empfehlen, solche Gespräche gut vorzubereiten. Vorgesetzte sollten aufmerksam zuhören und nicht in eine Rechtfertigungsposition verfallen, auch wenn die Kritik harscher wird: "Seien Sie außerdem auf Überraschungen gefasst. Emotionalität und auch persönliche Angriffe sind keine Seltenheit", heißt es bei bima - Bildung und Management. Sind die Fronten dagegen noch nicht so verhärtet, zeigen Bleibegespräche dem Mitarbeiter die Wertschätzung und was das Unternehmen bereit ist zu tun, um ihn zu halten. Spät vielleicht, aber möglicherweise noch nicht zu spät. Darüber hinaus ist zu bedenken, dass es Gründe geben kann, gegen die kaum zu argumentieren ist - etwa, wenn der Job gewechselt wird, weil die Fahrtzeit zu lang ist und man lieber in der Nähe der Familie und des Wohnorts tätig sein möchte.

So hilfreich Bleibegespräche grundsätzlich sind, so kontraproduktiv können sie in bestimmten Situationen gleichfalls sein. Ist das persönliche Verhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter bereits vorbelastet, kann aus dem Gespräch schnell eine Generalabrechnung werden. Dann gilt dasselbe wie für Exit-Gespräche: "Das Timing ist wichtig, damit es keine Schlammschlacht wird", zitiert die SZ Personalberaterin Regina Ruppert.

Das Portal karrierebibel.de macht zudem auf weitere Haken von Bleibegesprächen aufmerksam. Bleibt der Mitarbeiter aufgrund einer üppigen Gehaltserhöhung doch noch, sende er damit das Signal aus, dass er käuflich ist. Wer aber wegen Geld bleibe, gehe auch wegen Geld. Hinzu kommt, dass die zur Schau gestellte Illoyalität einen faden Beigeschmack hinterlasse. Dreht der Wind und es müssen Stellen abgebaut werden, könnte es sein, dass er sich auf der Liste mit den zu streichenden Arbeitsplätzen schnell ganz oben wiederfindet.

Geld allein macht ohnehin nicht glücklich. Spannende neue Projekte oder mehr Freiräume sind legitime Möglichkeiten des Arbeitgebers, einen wechselwilligen Mitarbeiter umzustimmen. Falls das eine Beförderung einschließt, ist jedoch auch hier Vorsicht geboten, heißt es weiter: "Der Aufstieg war schließlich nicht geplant, sondern entsteht nur aus dem Umstand des drohenden Weggangs." Entpuppt sich die neue Funktion als Sackgasse, werden sowohl der Frust wie auch der Wechselwunsch danach nur noch größer.

Warnsignale frühzeitig erkennen

Bleibegespräche können hilfreich sein, wenn ein Mitarbeiter sich bereits intensiv mit einer möglichen Kündigung auseinandergesetzt hat. Noch besser - und ein Ausdruck einer positiven Unternehmenskultur - wäre es, wenn Vorgesetzte bereits zu einem früheren Zeitpunkt Warnsignale erkennen und frühzeitig gegensteuern. Hans-Jürgen Kratz nennt in seinem Buch "Erfolgreich führen von A bis Z" einige davon. Dazu zählen beispielsweise sich häufende Abwesenheitszeiten oder mehrfache einzelne Urlaubstage, die eventuell für Vorstellungsgespräche genutzt werden. Auch ein nachlassendes Engagement bei Themen, bei denen sich ein Beschäftigter sonst stark eingebracht hat, können darauf hinweisen, dass er innerlich bereits auf Abstand gegangen ist. Wünsche sich der Arbeitnehmer darüber hinaus ein qualifiziertes Zwischenzeugnis ohne nachvollziehbare Begründung, sollten "die Alarmglocken schrillen".

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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