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Vertrauensmissbrauch: Warum Mitarbeiter im Job tricksen

In der Arbeitswelt 4.0 sind meist eigenständige und selbstverantwortliche Beschäftigte statt starrer Hierarchien gefragt. Dass die Vertrauenskultur im Unternehmen dabei eine wichtige Rolle spielt, versteht sich von selbst. Allerdings gibt es in jeder Organisation auch schwarze Schafe, die Vertrauen missbrauchen. Sie können nicht nur die Stimmung vergiften, sondern auch großen Schaden anrichten.

Trickserei ernst nehmen

"Tricksen" hört sich nicht sonderlich schlimm an: Es schwingt ein bisschen Cleverness, ein bisschen Schlitzohrigkeit mit. In Unternehmen gehen Tricksereien aber fast immer auf Kosten anderer. Seien es die Kollegen, die ehrliche Arbeit abgeliefert haben, oder seien es die Arbeitgeber, die geblendet werden oder nicht die Leistung erhalten, die im Arbeitsvertrag festgeschrieben ist.

Deutlich wird das an einigen klassischen Beispielen: So befürchten manche Vorgesetzte, dass ihre Mitarbeiter das Homeoffice mitunter dazu nutzen, um zu putzen, einzukaufen oder mit den Kindern zu spielen. Studien haben allerdings ergeben, dass Heimarbeiter eher Gefahr laufen, mehr als im Büro zu arbeiten. Manipulationen bei der Arbeitszeit werden in den Medien oftmals als Tricksereien bezeichnet, sind aber schon Betrug: Sie führten bereits wiederholt zu Kündigungen.

Auch im Binnenverhältnis können Beschäftigte großen Schaden anrichten: Etwa, indem sie Ideen der Kollegen klauen und als eigene ausgeben, Informationen bewusst vorenthalten oder den Firmenrechner privat nutzen, selbst wenn es nicht erlaubt ist. Wohlgemerkt: Es handelt sich in solchen Fällen um Ausnahmen und nicht um den Großteil der rechtschaffenen Beschäftigten.

Vielfältige Motivationen

Das Verlockende ist, dass es - vermeintlich - vielfältige Gründe für Tricksereien im Job geben kann. Das fängt schon bei "kreativen" Bewerbungen an, die längere Zeiten der Arbeitslosigkeit kaschieren oder ehemalige Positionen imposanter erscheinen lassen, als sie es waren. "Möglichst viel Karriere mit möglichst wenig Aufwand", nennt Andrea Haefely einen weiteren Grund in ihrem Buch "Schweigen, schummeln, lügen". "Menschen die einen großen Teil ihrer Arbeitszeit nicht zum Arbeiten, sondern fürs Selbstmarketing aufwenden, haben oft mehr Erfolg als die fleißigen Arbeitsbienen", schreibt sie - und führt eine Studie der Uni Zürich an, nach der Angeber tatsächlich leichter Karriere machen. Grund sei, dass Vorgesetzte, wie alle Menschen, anfällig dafür seien, sich blenden zu lassen.

Nicht verschwiegen werden soll, dass auch Führungskräfte und Arbeitgeber nicht alle Engel sind. Das Vorenthalten von Informationen, etwa über organisatorische Änderungen, kann von den Mitarbeitern als Vertrauensmissbrauch verstanden werden. Gleiches gilt beispielsweise auch für die Ausstellung von Arbeitszeugnissen, in denen der Arbeitgeber zur Wahrheit verpflichtet ist. Bei Managern gehe es in den meisten Fällen nicht um persönliche Bereicherung, zitiert die FAZ den EY-Berater Stefan Heißner, sondern darum, ehrgeizige Planzahlen zu erfüllen.

Unter dem Strich wird bei Tricksereien im Job immer der eigene Vorteil gesucht: Fehler vertuschen, besser dastehen, Karriere machen, Minderleistung kaschieren, mehr Freizeit haben. Hinzu kommt nach Angaben der Detektei Lentz, dass schummelnde Mitarbeiter oft kein Unrechts-Empfinden haben - frei nach dem Motto: "Das machen doch alle."

Vertrauen aufbauen und pflegen

Bleibt die Frage, wie Arbeitgeber das verhindern können. "Das Wichtigste ist, alles dafür zu unternehmen, um einen guten Draht zu seinen Mitarbeitern zu haben", sagt Privatermittler Marcus Lentz im Interview mit der Bundesagentur für Arbeit. Und ergänzt: "Sie müssen ihnen vertrauen können." Wie das funktionieren kann, beschreibt die Wirtschaftspsychologische Gesellschaft (WPGS) in einigen Praxistipps. Dazu zählt,

  • Vertrauen zu einem offiziellen Unternehmensziel zu machen

  • Mitarbeitern anspruchsvolle, aber realistische Projekte anzuvertrauen, ohne sie permanent zu kontrollieren

  • ein Vertrauensvorschuss, der klare Ziele mit klaren Verantwortlichkeiten verbindet

  • das Zurückschrauben sichtbarer Kontrolle

  • berechenbar zu bleiben und wechselhaftes Verhalten zu vermeiden.

Ist das Kind schon in den Brunnen gefallen, kann das Vertrauensverhältnis manchmal durchaus noch gekittet werden. Dr. Malte Detje kennt sich im Umgang mit Menschen aus: Er ist Pastor und hat seine Dissertation zum Thema "Führen und Leiten" geschrieben. Er hebt zwar hervor, dass von Fall zu Fall mit Augenmaß entschieden werden müsse. Prinzipiell sei Vertrauensmissbrauch jedoch kein Kavaliersdelikt. Daher sollte sofort reagiert und ein Missbrauch sanktioniert werden, "denn hier wird an der Grundlage Ihrer Organisationskultur gerüttelt". Zudem rät er Führungskräften, nach einem solchen Fall nicht dem Impuls nachzugeben, den anderen Mitarbeitern nun auch weniger zu vertrauen. Sie haben sich nichts zuschulden kommen lassen.

Fazit

Tricksereien sind menschlich und werden auch in Unternehmen nie ganz abzustellen sein. Unterschätzen darf man sie allerdings nicht: Auf Dauer kann Vertrauensmissbrauch ganze Teams und Organisationen lähmen und zu Schaden führen. Er sollte daher geahndet werden. Aber mit Augenmaß, sonst kann der Schuss nach hinten losgehen. Der Fall Emmely erlangte in diesem Zusammenhang bundesweite Popularität: Einer Kassiererin war nach 31 Jahren Betriebszugehörigkeit fristlos gekündigt worden, weil sie angeblich zwei ihr nicht gehörende Flaschenpfandbons im Wert von 1,30 Euro eingelöst hatte. Der Arbeitgeber sah sich ob seines rigorosen Vorgehens einer öffentlichen Protestwelle inklusive Kundgebungen und Demonstrationen ausgesetzt. Das Bundesarbeitsgericht erklärte die Kündigung für unverhältnismäßig und damit unwirksam.

Dieser Beitrag wurde erstellt von David Schahinian.

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