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Interessen von Beschäftigten und Unternehmen in Einklang bringen

Die Wünsche der Beschäftigten nach Flexibilisierung der Arbeitszeit finden beim Gesetzgeber zunehmend Gehör. Das birgt die Gefahr der Überforderung von kleinen und mittleren Unternehmen. Wie können Betriebe es schaffen, alle Interessen unter einen Hut zu bekommen?

Schon seit einigen Jahren geizen Unternehmen nicht mit dem Angebot von flexiblen Arbeitszeiten, Teilzeitangeboten, Arbeitszeitkonten oder teamorientierter Arbeitszeit. Da Studien zeigen, dass eine flexible Arbeitszeitgestaltung und eine reduzierte Wochenstundenanzahl für viele Arbeitnehmer wichtiger sind als Gehalt und Karrieremöglichkeiten, ist die 40-Stunden-Woche und ein Nine-to-Five-Tag für viele Betriebe keine Option mehr.

Doch mit flexiblen Arbeitsmodellen und jetzt auch noch mit dem Anspruch auf Brückenteilzeit wachsen die Probleme in den Unternehmen. Das Kräfteverhältnis verschiebt sich zuungunsten der Arbeitgeber, beklagen deren Verbände. Ob die Gesetze zur Arbeits-und Brückenteilzeit oder tarifliche Arbeitszeitregelungen wirklich Arbeitgeber benachteiligen, bleibt offen, denn schließlich sind sie ein wesentlicher Faktor für die Mitarbeitergewinnung und -bindung.

Zielkonflikte

Fakt ist aber ebenso, dass Arbeitszeitkonflikte vor allem in kleinen und mittelständischen Unternehmen zunehmen. Denn wie können Betriebe ihr Arbeitsvolumen erfüllen, wenn sie die weniger geleisteten Stunden aus fachlichen Gründen nicht auf die anderen Mitarbeiter verteilen können oder wollen und auf dem Arbeitsmarkt keine Fachkräfte zu finden sind? Gleichzeitig sollen die Regeln für die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverhältnissen verschärft werden, und die Höchstüberlassungsdauer von Zeitarbeitnehmern wurde bereits eingeschränkt. Wie kann ein Mitarbeiter, der für fünf Jahre die Brückenteilzeit in Anspruch nimmt, ersetzt werden? Für Arbeitgeber alles andere als einfach.

"Der grundlegende Konflikt besteht darin, dass Arbeitgeber ihrerseits alle Zeitreserven mobilisieren möchten und auch müssen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten des Fachkräftemangels aufrechtzuerhalten, während sich Arbeitnehmer hingegen zunehmend Zeitsouveränität wünschen", beschreibt Jutta Rump, Leiterin des Instituts für Beschäftigung und Employability IBE an der Hochschule Ludwigshafen, die aktuelle Situation. Die Zielkonflikte spielen sich auf mehreren Ebenen ab: wenn Arbeitszeiten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ausgehandelt werden, jedoch auch unter Kollegen und Vorgesetzten. Das Thema hat durch die Debatte um die 28-StundenWoche der IG Metall einen starken Schub erfahren. Zuvor hatten sich die meisten Arbeitgeber nicht proaktiv mit Arbeitszeitkonflikten beschäftigt, so HR-Professorin Rump, doch im vergangenen Jahr sei das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Handelns deutlich gestiegen. Durch das Anrecht auf Brückenteilzeit werde wahrscheinlich noch mehr Arbeitgebern bewusst, dass sie sich mit dem Thema Arbeitszeit und Arbeitsvolumen auseinandersetzen müssen. "Es geht nicht mehr nur um den Einzelfall, sondern um ein Gesamtkonzept im Unternehmen" betont die Wissenschaftlerin.

Was Arbeitnehmer wollen

Wenn Mitarbeiter den Umfang ihrer Arbeitszeit selbst wählen könnten, möchte etwa die Hälfte der Beschäftigten ihre Wochenstunden verkürzen (vergleiche Abbildung 1). Ein großer Teil der Beschäftigten möchte die jetzigen Wochenstunden beibehalten (39 Prozent) und nur eine Minderheit (11,6 Prozent) wünscht sich eine längere Arbeitszeit als bisher. Die Verlängerungswünsche werden insbesondere von Beschäftigten in Teilzeitarbeit geäußert.

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Quelle: BAuA-Arbeitszeitbefragung: Arbeitszeitwünsche von Beschäftigten in Deutschland, 2018

Aus Arbeitgebersicht ist ein Zusammenhang mit der Kündigungstendenz interessant - und bedenklich: Der Anteil der Beschäftigten, die selbst kündigen, ist unter Mitarbeitern mit Verlängerungs- oder Verkürzungswunsch höher als unter jenen, die ihre Arbeitszeit beibehalten wollten. Laut Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) wechselten von 2015 bis 2017 etwas 15 Prozent der Beschäftigten mit Verkürzungswunsch den Arbeitgeber und 17 Prozent der Beschäftigten mit Verlängerungswunsch, aber nur zehn Prozent derjenigen, die ihre Arbeitszeit beibehalten wollten. Was also tun, damit Betriebe die steigenden Anforderungen an Flexibilität, Leistungs- und Beschäftigungsfähigkeit der Arbeitskräfte erfüllen können, aber gleichzeitig ihre Bedarfe decken?

Zeitkonflikte lösen

Bereits 2016 dämmerte es dem Gesetzgeber: Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels führen die gesetzlich geschaffenen Rechte für Arbeitnehmer inklusive der flexiblen Arbeitszeitmodelle von Seiten des Arbeitgebers zu Konflikten in der betrieblichen Arbeitszeitpolitik. Das vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) aufgesetzte Projekt "Zeitreich" sucht Lösungen. Unter der Federführung des IBE werden Möglichkeiten erarbeitet, eine konfliktarme Arbeitszeitgestaltung zu realisieren. Das Projekt unterstützt Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter in Betrieben und Verwaltungen dabei, neue Zeitmodelle zu entwickeln, zu erproben und einzuführen, die für beide Seiten von Vorteil sind. Die neuen Arbeitszeitmodelle sollen Zeitkonflikte im Betrieb lösen oder mindern.

Nach zwei Jahren Projekterfahrung zieht Jutta Rump eine Bilanz: Der Konflikt zwischen Mitarbeiterwünschen und betrieblichen Bedürfnissen könne gelöst werden, wenn eine offene Kommunikation im Unternehmen darüber stattfindet, "welche Modelle und Zugeständnisse im Hinblick auf die Arbeitszeit möglich sind - und welche eben auch nicht". Es müsse Transparenz auch über die Zwänge geschaffen werden, in denen sich die Arbeitgeber bewegen. Beispielsweise dahingehend, dass die Erbringung der betrieblichen Leistung gefährdet ist, wenn allen Wünschen nach Teilzeit oder mobiler Arbeit stattgegeben werde. Unerlässlich sei es daher, im Dialog mit den Beschäftigten zu bleiben, um Nachvollziehbarkeit herzustellen. Dass Beschäftigte durchaus für die Bedarfe der Unternehmen sensibilisiert sind, zeigt Abbildung 2. Rund ein Drittel der Befragten setzt seinen Verkürzungswunsch nicht um, weil sonst die Arbeit nicht zu schaffen wäre.

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Quelle: BAuA-Arbeitszeitbefragung: Arbeitszeitwünsche von Beschäftigten in Deutschland, 2018

Normlösungen gibt es nicht

Ideal- oder Normlösungen gebe es nicht, betont Rump. "Die Lösungen sind stark davon abhängig, in welchen Rahmenbedingungen sich das jeweilige Unternehmen bewegt und in welchen beruflichen und privaten Phasen sich seine Beschäftigten befinden." Insofern entstehen nur individuelle oder zielgruppenspezifische Lösungen, die sich je nach Unternehmen, aber auch je nach Abteilung oder Bereich deutlich unterscheiden können. Auf jeden Fall erfordere es bei der Arbeitszeitgestaltung immer Kompromisse. "Wenn Verständnis geschaffen wird für die Belange und Bedürfnisse der jeweils anderen Seite und wenn beide miteinander im Dialog bleiben, lassen sich meist auch Lösungen finden, mit denen schlussendlich alle zurechtkommen."

Dieser Beitrag wurde erstellt von Christiane Siemann.

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